DOOL – The Shape Of Fluidity

ir leben in ungeheuer wechselhaften Zeiten. Der Turbo des Kapitalismus und die Gier nach Macht haben nicht nur die Erde in Brand gesetzt, alte und neue Kriege geschĂŒrt und tiefe KlĂŒfte in unsere sozialen GefĂŒge geschlagen, durch sie und die immer rasantere digitale Entwicklung ist StabilitĂ€t auch in der Weltpolitik und globalen Wirtschaft zum Fremdwort geworden, . FĂŒr viele Menschen auf diesem Planeten verĂ€ndert sich ihre Welt schneller als sie es erfassen können, und all diese UnwĂ€gbarkeiten treiben Verunsicherte, die sich nach den vermeintlich guten alten Zeiten sehnen, in die Arme von Demagogen. Der starke Mann soll es richten, dabei haben wir es doch letztlich alle selbst in der Hand, wie wir mit VerĂ€nderungen umgehen.

Der griechische Philosoph Heraklit wusste schon 500 v. Chr. vom Panta Rhei, „Alles fliesst“, ist stĂ€ndig in VerĂ€nderung und die alltĂ€gliche, nur scheinbare Erfahrung von StabilitĂ€t und IdentitĂ€t ist irrefĂŒhrend, da im Grunde das Ergebnis stĂ€ndiger Bewegung. Leider wurde seine Lehre wie auch das sogenannte Flussfragment „Man kann nicht zweimal in denselben Fluss steigen“ von seinen Nachfolgern nicht als der natĂŒrliche Prozess bestĂ€ndigen Werdens und Wandels, als die spannungsgeladene Einheit der GegensĂ€tze interpretiert, die in ihrer PolaritĂ€t jederzeit ineinander umschlagen…

FOLTERKAMMER – Weibermacht

WEIBERMACHT, was fĂŒr ein phantastisches Wort! Stark, ungezĂ€hmt, eigensinnig, dominant, ja ĂŒber-mĂ€chtig ist das Weib, so der Traum aller Feminist:innen – und als feuchter eben auch von Masochist:innen. TatsĂ€chlich bezeichnet der Ausdruck jedoch ein kunst- und kulturhistorisch bedeutsames Sujet, nĂ€mlich die Darstellung von besonders mĂ€chtigen, starken und intelligenten MĂ€nnern, die, der erotischen Anziehung von Frauen hilflos ausgeliefert, ihnen zum Opfer gefallen und dadurch zum lĂ€cherlichen Spielball der eigenen Triebe geworden sind. Schon aus der Bibel ist die Umkehr der gottgegebenen Weltordnung durch verfĂŒhrerische Frauen, die sich mit List und TĂŒcke ĂŒber ihre MĂ€nner erheben, ĂŒberliefert, die MĂ€r von der Torheit des weisen Aristoteles, der von Phyllis durch den Garten geritten wird verweist auf die klassische Antike, und im Mittelalter werden all diese Vorlagen nur zu gern wiederaufgegriffen und als mahnende Allegorien nicht nur in gotischen Kathedralen in Stein verewigt.
Denn Frauen sind nun einmal unberechenbar und gefĂ€hrlich, mann muss ihnen die Schranken weisen, bevor sie Morgenluft wittern, doch ach, zu sĂŒĂŸ sind wiederum die Erniedrigung und Bestrafung durch sie, nicht wahr? Was wir heute BDSM nennen ist ein vielfĂ€ltiges Spannungsfeld, das diese Thematik ausbreitet, das wie dafĂŒr geschaffen ist, von einer wirklich starken Femme Fatale in vielerlei Weise bespielt zu werden. VoilĂ , Auftritt Andromeda Anarchia! …

EITRIN – Eitrin

So langsam beunruhigt mich die offensichtlich in Mode gekommene starke AffinitĂ€t französischer Bands aus dem Black Metal-Spektrum zu potent tödlichen Substanzen. Waren es bei THOD noch infektiöse Agenzien wie Viren und Bakterien, die meist fatal endende Krankheiten auslösen, gehen EITRIN den direkteren und schnelleren Weg ĂŒber letale Gifte, teils natĂŒrlicher, teils menschlicher Herkunft; und das ist auch bereits in ihrem Band- oder zumindest Projektnamen versteckt, ist es doch das islĂ€ndische Wort fĂŒr Gifte
 und gleichzeitig der offizielle Firmenname von DMP: Eitrin Editions.
So spĂ€t wie ich mit meinem Review dran bin, sieht es mittlerweile tatsĂ€chlich so aus, als ob aus dem Projekt zur Feier von nunmehr zwei Dekaden Debemur Morti Productions/DMP  eine neue All-Star-Band geworden ist, zumindest lassen Vindsvalsche Social Media-Kommentare solches vermuten. Und das wird all die freuen, die das selbstbenannte DebĂŒt bereits kennen- und schĂ€tzen gelernt haben. Einer der drei Protagonisten ist damit bereits genannt, hört man in die Platte hinein ist sein Spiel und stilistischer Einfluss auch schwerlich zu leugnen, auch wenn EITRIN mit BLUT AUS NORD weit weniger zu tun hat als der Beitrag und Trademarksound von Vindsval (und dem ungenannten ebenfalls bei BAN…

ERSHETU – Xibalba

Man mag sie kritisieren oder sogar verfluchen, ein positiver Aspekt der Globalisierung ist die Tatsache, dass durch die zunehmende Vernetzung traditionelle Kulturen und vor allem unterdrĂŒckte Minderheiten eine Stimme erhalten, die von der selbstzentrierten westlichen Welt bisher kaum wahrgenommen wurden. Dass ihre Geschichte(n) nun gehört werden und Interesse erfahren, lĂ€sst sie der Welt mit einem ganz neuen Selbstbewusstsein entgegentreten, in der Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, aber vor allem auch in der Kunst, die sich wieder viel mehr auf die lokal ĂŒberlieferten Traditionen besinnt.

Dies bildet sich natĂŒrlich auch in der Metalszene ab, die in ihren AnfĂ€ngen komplett auf angelsĂ€chsische Vorbilder fixiert war, auch wenn sich ĂŒberall schnell lokale Stile ausbildeten. Sicherlich gab es schon immer den Tapetrader-Austausch zwischen Nerds, die mit Metallern in aller Welt Kontakt hielten, doch hat das Internet gerade auch hier die Möglichkeit geschaffen, miteinander in Kontakt kommen, wo es zuvor kaum AnknĂŒpfungspunkte gab. Gerade im Black Metal spielen die Herkunft und die Folklore der Heimat schon immer eine wichtige Rolle, und so ist es nur folgerichtig, wenn heutzutage Bands von ĂŒberall auf diesem Globus ihre musikalischen Traditionen und eigenen Instrumente mit …

AHAB + ULTHA live in Bochums Christuskirche

Gerade Bands aus dem okkulten Bereich der Rockmusik bezeichnen und gestalten ihre Auftritte gerne als Rituale; Riten wiederum sind Zeremonien und kultische Handlungen, die meist im Rahmen einer Religion, der Anbetung einer Gottheit, ausgeĂŒbt werden. Musik spielte dabei wohl schon seit Menschengedenken eine grosse Rolle, stiftet sie doch Gemeinschaft, betont den besonderen, aus dem Alltag herausgehobenen, ja heiligen Charakter einer Zusammenkunft und kann im besten Falle Trancen auslösen, die die GlĂ€ubigen ihren Göttern nĂ€herbringen. Die meisten Kulturen haben fĂŒr den spirituellen Effekt ihre Sakralbauten so gestaltet, dass deren Akustik ihre vielen hundert Besucher ĂŒberwĂ€ltigt – glasklare VerstĂ€rkung und massiver Hall machen jeglichen Klang noch eindringlicher, sei es gregorianischer Gesang in einer Kathedrale oder eine Glocke im buddhistischen Tempel.

GedĂ€mpftes und gleichzeitig fokussiertes Licht, die herausgehobene BĂŒhne und ein sich weit ausbreitender Klangkörper, der eine grosse Menge an Zuhörenden umfasst – interessanterweise treffen all diese sakralen Raumwirkungen genauso auf Konzerte zu, in jeglicher Musikrichtung und ĂŒberall auf der Welt. Die feierliche Stimmung ĂŒbertrĂ€gt sich auf die Zuhörer, denen es so leichter gelingt, Abstand vom gewohnten Leben zu bekommen und sich auf eine von KlĂ€ngen begleitete Reise ins eigene Innere einzulassen. Daher…

SLOWER – Slower

Schon immer habe ich eine Vorliebe fĂŒr abgedrehte Coversongs, jedoch nur solche, die weit jenseits des Ursprungsgenres stattfinden. Wer MAMBO KURTs AnfĂ€nge, aber vor allem die (leider lange inaktiven) Schwedinnen von HELLSONGS kennt, weiss, was ich meine: da steht man beim ersten Konzert der einem bisher unbekannten Band, versucht hochkonzentriert herauszufinden, was denn der Ursprungssong ist, und freut sich diebisch sobald man’s weiss.
SLAYER wiederum erkennt man stets sofort an ihren prÀgnanten, sich ins Ohr frÀsenden Riffs, das Duo Hanneman/King hat genau darauf seinen Erfolg aufgebaut, und so leben auch die Cover ihrer Hits vor allem davon, die bekannten messerscharfen Akkordfolgen in den Vordergrund zu stellen.

Die Idee, SLAYER rundum deutlich runterzufahren und zu versludgen rannte bei mir daher offene TĂŒren ein, zumal klar war, dass die Doomversion eine Angelegenheit verdammter Heavyness werden wĂŒrde, wie es dem Genre eben entspricht  – dass sie auch so einige Überraschungen birgt ist dann jedoch das TĂŒpfelchen auf dem Y!
Der erste geniale Schachzug ist, ausschliesslich weiblichen Sirenengesang einzusetzen von zwei Szenegrössen, die schon in ihren eigenen Bands durch ihren herausragenden Gesang auffallen: Amy Barrysmith von YEAR OF THE COBRA…

MISOTHEIST – Vessels By Which The Devil Is Made Flesh

Black Metal ist heute mehr denn je ein Vehikel, um ohne den Umweg ĂŒber den Intellekt pure GefĂŒhle zu vertonen und dadurch eben auch auszuleben, die sich anders nicht ausdrĂŒcken lassen. Wut, Hass, Angst, Verzweiflung, Gewalterfahrung, Unverstandensein, Ekel, Scham, Verachtung, RachegelĂŒste, Einsamkeit, Eifersucht, Trauer – you name it, alle so richtig negativen Emotionen finden hier ein willkommenes Ventil, aber auch solche wie Sehnsucht, Zweifel oder Melancholie. Die dafĂŒr genutzten musikalischen Mittel sind mittlerweile weitgehend Interpretationssache; auch wenn sich natĂŒrlich Grundstrukturen und stilprĂ€gende Elemente wie die allumfassende Repetition stets wiederfinden lassen, ist die kreative Bandbreite des Genres heute so weit offen wie nie zuvor – und genau diese unglaubliche Vielfalt und stĂ€ndige Evolution macht es ja gerade so spannend und faszinierend.

Trotzdem kann man sich die Frage stellen, was denn eigentlich zeitgemĂ€ssen Black Metal im Kern ausmacht, was sozusagen heute die Definition, die Essenz des Stils ist? WĂ€hrend viele weiterhin expansiv mit GrenzĂŒberschreitungen experimentieren, versuchen sich im Gegensatz dazu nicht wenige Bands an genau dieser Aufgabe der Reduktion, und eine Szene, die sich (nicht nur) damit einen Namen gemacht hat, die Fahne des weiterentwickelten klassischen…

LINUS KLAUSENITZER – Tulpa

Wer mich kennt weiss: der Bass ist fĂŒr mich das wichtigste und daher auch mein liebstes Instrument in der Rockmusik, und somit sind es logischerweise auch vor allem die BassistInnen, die ich am meisten schĂ€tze – ganz in Gegensatz zur landlĂ€ufigen Meinung ĂŒber die Virtuosen an den dicken Saiten. Und auch hier höre ich vor allem diejenigen sofort aus einem unbekannten neuen StĂŒck Musik heraus, die einen ganz eigenen und individuellen Stil und Sound pflegen, technisch herausstechen aus der Masse und damit völlig neue Impulse fĂŒr ihre Bands und Genres geben.

Linus Klausenitzer, einer der mittlerweile gereiften Extremmetalhead-Musikstudenten der Regensburg-Landshut-MĂŒnchen-Achse, aus der seit Beginn der 2000er so grossartige Prog/Teach-Death und -Blackmetal-Formationen wie NONEUCLID, OBSCURA, ALKALOID und DARK FORTRESS hervorgingen, gehört ganz vorne mit zu diesen Musikern. Egal mit wem er spielt, er setzt stets Akzente, die auffallen und formt souverĂ€n und technisch herausragend die Basis komplexer Songs mit und brilliert mit geilen Soli, ohne sich dabei in den Vordergrund zu drĂ€ngen. Hinzu kommt dass er meist fretless spielt, und hat gerade damit einen wunderbar warmen, vollen und trotzdem metal as fuck direkten Sound entwickelt, der geradezu ins Ohr hineinschmilzt, wenn er sich nicht gerade stĂ€hlern hineinfrisst – doch dazu spĂ€ter…

V/A – Blast No.1 – Blastbeat Tribute To TYPE O NEGATIVE

TYPE O NEGATIVE sind bei aller Wut und HĂ€rte der ersten Alben doch vor allem eine Band, deren Musik Fans in entsprechend entspannter Stimmmung geniessen, gerne des Nachts bei Kerzenlicht und einem oder mehreren GlĂ€sern Rotwein, eben ganz im Sinne von Lord Petrus Steele. Dass die Songs der Drab Four jedoch auch funktionieren können, wenn sie extrem hochgedreht, ultrafies gegen den Strich gebĂŒrstet, ĂŒbelst gegrunzt und somit noch krasser als in CARNIVORE-Manier gespielt werden, zeigt dieser Sampler, fĂŒr den sich 19 Grindcore et al.-Bands an ausgewĂ€hlten StĂŒcken versucht haben.
Die Idee dazu stammt von 783Punx-Boss Edi, der den Bands aus dem hochgedrehten Spektrum zwischen Crust-Punk, Death Metal, Grindcore, Powerviolence und D-Beat jedoch klare stilistische Vorschriften gab: “Take a slow and long ToN song and convert it into short and super-fast grindcore song, but try to keep it as recognisable as possible”, was in den meisten FĂ€llen auch genau so umgesetzt und erreicht wurde. Schon allein die Songauswahl ist wirklich gelungen, es sind so ziemlich alle Hits und Signature-Songs aus den sieben Alben der New Yorker versammelt, darunter natĂŒrlich auch solche, die selbst auf 45 rpm abgespielt nicht das Tempo der vorgelegten Versionen erreichen wĂŒrden und somit kaum…