DOOL im 7er Club Mannheim

Nachdem sie ihre „Summerland-Tour“ mehrfach verschieben mussten, packen DOOL nun soviele Clubdates zwischen ihre Festivalauftritte wie nur möglich, und gaben auf der RĂŒckfahrt vom In Flammen-Open Air auch dem Mannheimer 7er Club die Ehre. Wie es aktuell eben so ist und typisch fĂŒr Sonntagabende, konnte im Publikum soviel Abstand gehalten werden wie man eben mag – zumindest weiter hinten, es hĂ€tten sich ruhig noch ein paar Nasen mehr auf den Weg machen können. Doch der Stimmung tat dies keinerlei Abbruch, direkt vor der BĂŒhne gab’s Konzertfeeling wie gewohnt, und mal ehrlich: wann kommt man heutzutage noch so nah ran an die Bands? Ein grossartiger Abend konnte beginnen



der natĂŒrlich den Schwerpunkt auf den deutlich nachdenklicheren Zweitling legte und im Handumdrehen bewies, dass bei DOOL jeder Song in der Liveversion einfach explodiert, zu sehr ist die Band mit ihrer Musik eins und geht völlig in ihr auf, zu stark ist der Sog der Songs, der nicht nur die Zuschauer, sondern auch die Musiker selbst gefangennimmt. Sie steigen ein mit ‚Wolf Moon’ und drehen sofort voll auf, ziehen die Geschwindigkeit wie live ĂŒblich deutlich an und erhöhen die IntensitĂ€t mit jedem StĂŒck aufs Neue…

CHAOS DESCENDS is back!!!

Das schönste, idyllischste und abgefahrenste deutsche Undergroundfestival kehrt in einer guten Woche auch endlich wieder zurĂŒck, und damit 3 Tage geilste Musik, beste Menschen und vor allem: kein Handyempfang!
Das Ferienland Crispendorf bietet nicht nur eine wunderschön abgelegene Lage im thĂŒringischen Wisentatal, Camping im GrĂŒnen, Ex-Pionierlagerflair, eine weltweit einmalige Poolstage, traumhafte Erdbeerbowle aus dem Aquarium, sondern vor allem auch eine tiefenentspannte, familiĂ€re Stimmung und: eine Bimmelbahn, die durch den Campingplatz und direkt am FestivalgelĂ€nde entlangschnauft… choo choo…
CHAOS DESCENDS, das bedeutet weiterhin eine handverlesene Bandauswahl, stets tief im Untergrund verwurzelt, dem Death-und Blackmetal genauso verpflichtet wie Thrash und klassischem Heavy Metal, dazu Extravagantem aus Doom, Psych, Okkultrock sowie Electronica – eine solche Mischung gibt’s sonst einfach nirgends…

Wer ist nun 2022 so alles dabei? Aus der Schweiz und Finnland kommen SUM OF R mit ihrem experimentellen, dronigen Doom, HAGZISSA aus Linz bringen “Old Witching Black Metal” mit. SNĚƀ aus Prag haben Death Metal im GepĂ€ck, genau wie VENEFIXION aus der Asterix-Hood, die fĂŒr CONCRETE WINDS einspringen. Aus Italien reisen zwei Bands…

APTERA – You Can’t Bury What Still Burns

Sludgiger Doom, aber keine Testosteronspielchen. Klassischer Heavy Metal, aber null Pathos. Thrashiges Fauchen und Riffen, aber keine Angst vor progressiven Strukturen. Psychedelischer Stoner Rock, aber ohne BlĂŒmchen im Haar. Und zu all dem eine grosse Portion dreckiger PunkattitĂŒde, das sind APTERA aus Berlin. Unschwer zu erkennen haben die Vier, von denen keine aus Deutschland stammt, sich von Anfang an in ihrer eigenen Nische eingerichtet, wie es so wohl nur in der Hauptstadt möglich ist, wo Genrecrossover quasi bei BandgrĂŒndung schon Programm ist.

Nach einem ersten Lebenszeichen per selbstbenannter EP hat das Quartett die Isolationszeit der letzten beiden Jahre gut genutzt und ein DebĂŒtalbum an den Start gebracht, das aufhorchen lĂ€sst. Und zwar nicht nur musikalisch, sondern weil hier vier junge Frauen einfach das machen, was sie wollen, und man(n) das auch jederzeit hört. Sie sind der Gegenentwurf zu jeder zusammengecasteten Girlband, und erst recht zu den „female fronted“ Bands, bei denen eine Alibifrau maximal ans Mikro darf. APTERA klingen und sind wild & frei, analog und dissonant, sie wollen niemandem gefallen – ausser sich selbst, und das ist gerade in den heutigen Backlash-Zeiten absolut ein Statement. Kein Wunder, dass bereits der Albumeinsteiger den vielverheißenden Namen ‚Voice of Thunder’ trĂ€gt, und ihm auch alle Ehre macht…

HULDER – The Eternal Fanfare

HULDERs DebĂŒt ‘Godslastering: Hymns Of A Forlorn Peasantry’ war Anfang 2021 ein Paukenschlag, der deutlich machte, dass traditioneller 90er-Black Metal immer noch lebt, und sich sogar eines neuen FrĂŒhlings erfreuen kann, wenn ihm von berufenen HĂ€nden (und StimmbĂ€ndern!) eine so leidenschaftliche Frischzellenkur verpasst wird. Was The Inquisitor aka Marz Osborne, aus Belgien in die USA emigriert und dort nun auch verehelicht, da an Können, Vision, Trveness und ja, auch Heldenverehrung, in ihre Musik packte, war zwar fĂŒr ein paar Puristen zuviel des Guten, fand jedoch in der Szene riesigen Anklang, und auch tiefen Respekt, ist HULDER, nur mit Ausnahme der Drums, doch eine echte One-Woman-Show, spielt sie doch sĂ€mtliche Instrumente ausser dem Schlagzeug, das ihr Mann bedient, selbst.

Dass sie klassischen Black Metal lebt und liebt, wie ihr Logo dafĂŒr brennt, und zwar inklusive dem entsprechenden historischen und folkloristischen Hintergrund, dem Ganzen jedoch immer ihren ganz persönlichen Stempel aufdrĂŒckt, haben wir schon auf dem Cover von ‚Godslastering’ gesehen, auf dem sie wie auch auf den aktuellen Promobildern im Gewand, aber mit breitem Killernietenarmband und gerne auch mit Waffen posiert, und hören es in ihren Intros und Keyboardpassagen, die vor allem an Mittelaltermusik angelehnt sind. Waren die Keys anfangs noch gewollt im primitiven Kirchenorgelstyle der 90ern, gab es jedoch bereits NaturgerĂ€uschsamples, und so beginnt ‚The Eternal Fanfare’ nun mit Feuerknistern vor bedrohlichen…

STIRIAH – …Of Light

An STIRIAHs dritter LP ‚
Of Light’ habe ich mir lang die ZĂ€hne ausgebissen, tue es eigentlich immer noch. Das Quartett, das seinen Schwerpunkt von Dresden in die Hauptstadt verlagert hat, ist schwer zu fassen; als Rezensentin versuche ich anfangs automatisch, Bands irgendwo einzuordnen, indem ich unbewusst versuche, sie mit anderen zu vergleichen – dieser Weg ist vermutlich menschlich, wir versuchen intuitiv eine Ordnung zu schaffen, zuzuordnen, Ähnlichkeiten zu finden, doch das funktioniert bei STIRIAH nicht. Sie widersetzen sich einfachen Schubladen, und zwar durchaus mit Stolz.

Gut, natĂŒrlich hört man sofort, wo ihre HaupteinflĂŒsse herkommen, das ist klassischer, ziemlich norwegischer Zweite Welle-Black Metal, mit einem grossen Melodieanteil, aber da ist noch einiges, unerwartetes mehr, und obwohl sie selbst ihren roten Faden offenbar ganz eindeutig kennen, die Stringenz der Platte legt das nah, lassen sie uns Hörer damit erstmal allein im Nebel stehen. Oder in totaler Verwirrung, völliger Un-Ordnung? Sie selbst nennen ihren Stil ja „Harmonic Black Chaos – since 2015“, und damit kommen wir der Sache vermutlich deutlich nĂ€her


THE SWELL FELLAS – Novaturia (EP)

THE SWELL FELLAS, das sind zwei BrĂŒder und ihr bester Freund aus Kindheitstagen, die aus Ocean City, Maryland, auszogen, die Welt mit ihrem vertrĂ€umt-trippigen, aber gleichzeitig sehr direkten und komplexen Heavy Psych / Stoner Rock ein bisschen bunter und schöner zu machen. Es ist ein vielfarbiger, meditativer, sehr entspannter Strudel wie direkt aus dem Ölprojektor, in den uns das seit 2020 in Nashville heimische Trio zieht, ein DreiergesprĂ€ch zwischen Mark Rohrers groovend-warmem Bass, Chris Poole’s knackigen Drums sowie den psychedelisch-bluesig-grungigen Gitarreneskapaden seines Bruders Conner Poole, das ganz natĂŒrlich, gefĂŒhlt fĂŒr ewig und einfach zeitlos ansteigt und wieder ausebbt, so wie der Wellengang oder die Ebbe und Flut ihres Bandnamens.

Alle Drei steuern Gesang sehr unterschiedlicher Stimmcharaktere bei, von Song zu Song abwechselnd und auch im Chor, was die Vocals weit aus der Masse des Genres herausragen lĂ€sst, ‚High Lightsolate’ ist ein wunderbares Beispiel dafĂŒr und erinnert an die grossen vielstimmigen US-Rockbands der 70er Jahre.

Trios haben immer eine besondere Chemie und Power, hier spĂŒrt man zudem die sehr enge und schon lange bestehende Verbindung zwischen den drei Akteuren…

IATT – Magnum Opus

Schon interessant, wie es manchmal lĂ€uft im Leben – einen wirklichen Zugang zu ‚Magnum Opus’ habe ich erst bekommen, als ich mich zeitgleich zum einen mit IBARAKI, und zum anderen mit der neuen SEPTICFLESH beschĂ€ftigt habe. Dann hat das Album auf einmal gezĂŒndet, und auch wenn Jay Briscoe mit seinen fiesen, entweder zum Highpitch oder in Grabestiefen ĂŒberdrehten, stark metalcorebasierten Shouts nie zu meinen favorisierten SĂ€ngern gehören wird, kann ich seine Vocals nun besser einordnen. Bei einer Platte, die mit einer melancholischen Violine startet, kommt solch krasser Gesang eine Minute spĂ€ter einfach ĂŒberraschend, aber eben auch solche Dinge wie Saxophonsoli, Flamencogitarren, barocke Pianopassagen, Klangschalensessions, spacige Keyboardsounds oder coole JazzlĂ€ufe, und IATT (ehemals I AM THE TRIREME) haben all das im Programm. Das Quartett aus Philadelphia will sehr viel, und hat noch viel mehr Ideen.

Zu den oben genannten Bands könnte man noch FLESHGOD APOCALYPSE, aber auch IMPERIAL TRIUMPHANT hinzufĂŒgen, und damit ist die Arena, in der ‚Magnum Opus’ agiert, einigermassen abgesteckt. Zwischen technischem, teils verspielt symphonischem Death Metal mit rhythmischem US-Metalcore-Kern und sehr experimentellem, progressivem Black Metal kommt hier alles bunt gemischt aufs Tapet, und kann den Hörer anfangs tatsĂ€chlich ĂŒberfordern, weil so viel auf einmal passiert…

17 YEARS SOUND OF LIBERATION – Festivals

Eigentlich wollten Sound Of Liberation, die Schwergewichte im Bereich fuzziger Riffs, ihr 15-jĂ€hriges Bestehen schon vor zwei Jahren ausgiebig und stilgerecht mit fetten Festivals feiern, stattdessen orientierte sich die damals reine Veranstaltungs- und Bookingagentur notgedrungen um und grĂŒndete ihr eigenes Label plus Webshop, womit sie sich erfolgreich ĂŒber die lange Covid-Zeit retten konnten. Zum GlĂŒck fĂŒr alle Stoner-, Heavy Rock- und Psychedelic Fans rund um die Welt! Und nun können auch die ausgiebigen FestivitĂ€ten endlich nachgeholt werden.

Matte, CEO bei Sound Of Liberation, berichtet: „Bereits 2019 hatten wir unser 15-jĂ€hriges Bestehen unseres kleinen Unternehmens fĂŒr Juni 2020 geplant. Wir haben ein fettes, internationales Line-Up gebucht und mit Promotion und Ticketverkauf begonnen. An dieser Stelle ist es unnötig zu erwĂ€hnen, da wir alle wissen was in den letzten 2 Jahren mit Live Musik und Veranstaltungen passiert ist.
Ehrlich gesagt wussten wir nicht, ob wir den Covid Clash mit SOL ĂŒberleben wĂŒrden, daher sind wir mehr als dankbar und glĂŒcklich, dieses Wochenende endlich unseren Firmengeburtstag in MĂŒnchen (Backstage) und in zwei Wochen in Wiesbaden (Schlachthof) feiern zu können. Ich danke euch allen fĂŒr eure UnterstĂŒtzung in all den Jahren und hoffentlich sehen wir uns bei einer oder beiden unserer Geburtstagsfeiern!”

Die erste steigt bereits am kommenden Wochenende im wunderbaren Backstage in MĂŒnchen, weiter geht’s zwei Wochen spĂ€ter im Schlachthof Wiesbaden…

WAZZARA & DORDEDUH live

Zwei Bands und ihre jeweiligen Zweitlinge haben mich durch das vergangene Jahr auf besondere, doch ganz unterschiedliche Weise begleitet, was sich dann auch entsprechend in meinem JahresrĂŒckblick niederschlug. Zuerst ĂŒberraschten DORDEDUH im Mai mit ihrem zwischen Progrock und folkloristischem Black Metal pendelnden Jahrhundertalbum ‚Har’, das mich mit seiner positiven Kraft, Schönheit und geerdeten SpiritualitĂ€t durch den gesamten Sommer begleitete. An Samhain brachten dann die mir bis dahin unbekannten WAZZARA um Barbara Brawand ihr LP-DebĂŒt ‚Cycles’ heraus, was mich komplett umgehauen hat – es trifft nicht nur genau meinen Musikgeschmack mit seinen vielen Stimmungs- und Dynamikwechseln in seiner stimmigen Melange aus bassbetontem Doom, grossen Melodien und extremmetallischer HĂ€rte, sondern hat mich, aber vor alle mit seinem thematischen und sprituellen Fokus auf kraftvolle, schöpferische, eben zyklische Weiblichkeit gleichzeitig ermutigt und ganz tief beruehrt.

Als ich jedoch herausfand, dass Putrid aka Andrei Jumugă auf beiden Alben Schlagzeug spielt, da die Bands miteinander befreundet sind, hat sich ein Kreis geschlossen, und ich habe mich nicht mehr wirklich gewundert, als das ursprĂŒnglich fĂŒr den 11. Dezember 2021 geplante gemeinsame Konzert im Gaswerk Winterthur angekĂŒndigt wurde. Da muss ich hin! Was fĂŒr ein GlĂŒck, diese beiden Bands zusammen auf einer intimen ClubbĂŒhne zu erleben! Big C hat jedoch zuerst einmal einen Strich durch die Rechnung…

IN TWILIGHT’S EMBRACE – Lifeblood

Typisch fĂŒr den zeitgenössischen atmosphĂ€rischen Black Metal aus Polen ist ja eine alles durchdringende industrielle KĂ€lte und fast maschinenhafte AusfĂŒhrung bei zwischen Resignation und Nihilsmus pendelnder, oft auch ritueller Stimmung. Wenn sich eine Band jedoch seit ihrer GrĂŒndung 2003 stilistisch vom Metalcore ĂŒber Gothenburg-Melo/Death Metal schliesslich zu Blackmetallern entwickelt, haben sie schon rein technisch einiges mehr in der Hinterhand als ein reiner BM-Act, kompositorisch sowieso. Was bei ‚Lifeblood’ sofort auffĂ€llt ist der extreme Technikfokus bei trotzdem durchweg melodiebetonten Arrangements, fesselnden Dynamikwechseln und einem sehr eigenstĂ€ndigen Stil. Sicher, eine NĂ€he zu BLAZE OF PERDITION aber auch MORDASTIGMATA ist nicht zu verleugnen, was jedoch auch an personellen Überschneidungen mit Ersteren liegt, und natĂŒrlich der gemeinsamen Szene.

Doch tatsĂ€chlich sind IN TWILIGHT’S EMBRACE musikalische Kosmopoliten, die ebenso viel vom schwedischen wie französischen sowie sĂŒdeuropĂ€ischen Extremmetal in ihre eigene Melange einfliessen lassen, wie sie sich auf ihre Herkunft besinnen. Heraus kommt eine sehr moderne Interpretation des Genres voller GegensĂ€tze, die sich zu einem passgenau einzig- und neuartigen Sinneseindruck vereinen, der ĂŒberaus stimmig, schon durch seine Hochgeschwindigkeit im Kontrast zu spannungserzeugenden Breaks und mĂ€chtigen Lowtempo-Parts mitreissend und vor allem originell ist…