MYTHOSPHERE – Pathological

Erstaunlich, nach SONJA’s DebĂŒt schon die zweite Cruz Del Sur-Veröffentlichung auf dieser noch jungen, doch eher beinharten Seite, und abermals ein DebĂŒt, woran liegt das bloss? NatĂŒrlich an der herausragenden QualitĂ€t und OriginalitĂ€t beider Bands, aber vor allem an der ewigen Liebe der Rezensentin zum klassischen Doom und Heavy Metal – nur zu episch oder gar pathetisch darf es nicht werden, doch das ist bei diesem neuen Ableger von PALE DIVINE/Ex-BEELZEFUZZ plus grandiosem Prog-Überraschungseffekt nicht zu befĂŒrchten, geht es doch stilsicher zurĂŒck in die goldenen Zeiten dunkelbunter, schleppender Riffs. Zudem, wer seinen Erstling dem unlĂ€ngst verstorbenen Doomgott Eric Wagner widmet, das mĂŒssen gute Menschen sein! Schauen wir uns das Ganze also einmal genauer an


MYTHOSPHERE ist ein echter GlĂŒcksfall, fĂŒr seine Mitglieder offenhörbar genauso wie fĂŒr die Fans, haben sich mit der GrĂŒndung doch musikalische Schwergewichte aus der (Maryland-)Doom-Szene mit einem US-Metal-Ausnahmegitarristen zusammengefunden, die man in dieser Verbindung so nicht erwartet hĂ€tte, jedoch gerade durch ihre unterschiedlichen HintergrĂŒnde ein perfect match abgeben. Als BEELZEFUZZ 2019 sein Ende fand oder besser: erfolgreich in PALE DIVINE aufging, gab es von Dana Ortt und Darin McCloskey offenbar noch Material, das nicht in…

SPEGLAS – Time, Futility & Death (EP)

Sie beginnt mit einer verstörenden Kakophonie aus verzerrten Stimmen und KrĂ€henkrĂ€chzen, nur um sofort darauf in eine auf wunderschönste Art perlende akustische Gitarrenmelodie zu mĂŒnden und bald das gesamte Trio miteinzubeziehen in das wohl spannendste Intro des Jahres, das der zweiten Veröffentlichung von SPEGLAS namens ‚Time, Futility & Death’. Sieben lange Jahre erwartet, wie schon ‚Birth, Dreams & Death’ leider nur eine EP, aber wiederum: was fĂŒr eine!
Man könnte den Stil „Stockholmer Schule“ nennen – stets hochkreativ und unvorhersehbar, aber immer melodiebasiert und verspielt balancierend auf der Grenze zwischen Death Metal, explorierendem, psychedelisch angehauchtem Progessiv-Rock und immer wieder epischen Gitarrenmomenten des klassischen Heavy Metal. Die wichtigste Zutat fehlt jedoch noch in dieser AufzĂ€hlung. Was im Black Metal seit jeher vollkommen normal ist, wird dem Death Metal noch immer viel zu selten zugestanden: AtmosphĂ€re als tragendes kĂŒnstlerisches Stilmittel zu verwenden. „Progressiv“ heisst dann meist ultraschnelles Geshredde im TechDeath und „Melodie“ singende Twingitarren im MeloDeath, ebenfalls mit sehr viel Drive, doch dass Death Metal auch wunderbar in Zeitlupe funktionieren kann, entdecken Bands des Genres so richtig erst seit dem vergangenen Jahrzehnt wieder…

BLUT AUS NORD – Lovecraftian Echoes

Erst im Mai beglĂŒckte Vindsval uns mit dem letzten BLUT AUS NORD-Album zum Thema der Grossen Alten, ‚Disharmonium – Undreamable Abysses’, da kommt kein halbes Jahr spĂ€ter schon dessen Widerhall auf den Markt? Nein, so einfach ist es in mehrfacher Hinsicht nicht. Die ‚Lovecraftian Echoes’ entstanden zwar in einem Ă€hnlichen Zeitraum wie die letzte LP und bewegen sich ebenfalls im Kosmos des amerikanischen phantastischen Autors, haben jedoch eine völlig andere Ausrichtung, Zielsetzung und vor allem einen komplett anderen Hintergrund.

Die sechs StĂŒcke sind nĂ€mlich allesamt schon einmal, und zwar einzeln, veröffentlicht worden, waren seinerzeit jedoch nur einem kleinen Kreis von BAN-Verehrern zugĂ€nglich, die gegen einen gewissen Obolus zwei Jahre lang, von Anfang 2020 bis 2022, Mitglieder des „Order of Outer Sounds“ (oder OoOS), einer exklusiven, von Debemur Morti Productions ins Leben gerufenen Fan- und Forumsgemeinschaft waren. Daher handelt es sich bei den ‚
Echoes’ auch um eine Compilation, und kein vollwertiges, neues BAN-Album, die nagelneue projekteigene Facebook-Seite „The Lovecraftian Echoes” lĂ€sst jedoch weitere zukĂŒnftige AktivitĂ€ten innerhalb eines eigenen Spin-Offs erwarten…

FRAYLE – Skin & Sorrow

Vorgestern vor einem Jahr durfte ich sie live in Stuttgart erleben, und nun sind sie schon wieder mit ihren zwei Livemitstreitern auf Euro-Tour,, das Clevelander Duo FRAYLE, und haben dazu ihren zweiten Langspieler ‚Skin & Sorrow’ mitgebracht. Wer die 2017 gegrĂŒndete Band nicht ĂŒber ihre EPs kannte, wurde spĂ€testens 2020 von ‚1692’ gefangengenommen, ihrem Konzeptalbum ĂŒber die Hexenprozesse von Salem.

Es folgten intensive TouraktivitĂ€ten, erst letztes Jahr auch hierzulande, und die Fangemeinde wuchs stetig, sprechen FRAYLE doch vielerlei Publikum an: Sludger & Stoner, Gothics, Ambientfreaks genauso wie Triphopper und einfach aufgeschlossene Metalfans. Ihr Erfolgsrezept, stark aufs einzelne, stetig wiederholte Riff und seine Wirkung reduzierten Sludge mit Ă€therischem Gesang Ă  la BJÖRK zu kombinieren, schuf sich selbst eine bisher ungehörte, doch höchst reizvolle Nische im weiten Feld des Doom, die unermĂŒdlich starke, bisher nicht miteinander zu verbindende Kontraste ausleuchtet, verwebt und intensiviert, um ihre Einzigartigkeit noch stĂ€rker zu betonen. Besonders der Gegensatz von Gwyn Strangs geisterhaft flĂŒsternd-gehauchter, zwischen kindlicher Unschuld und dem sĂŒssen Gift reifer Tollkirschen wechselnder Stimme auf der einen, und Sean Biloveckys supertiefen monolithischen Riffs auf der anderen Seite erschafft einen unheimlichen und hypnotischen Trademarksound, den man nicht mehr aus dem Kopf bekommt…

SONJA – Loud Arriver

Die meisten Menschen leben bis zum Tod mit dem Namen, der ihnen von ihren Eltern gegeben wurde, doch immer mehr wĂ€hlen irgendwann passend zu ihrer wahren IdentitĂ€t einen, der das ausdrĂŒckt, wer sie wirklich sind. Melissa Moores Vorname ist natĂŒrlich viel mehr als nur eine Reminiszenz an das epochale MERCYFUL FATE-DebĂŒt und Ausdruck ihres durch und durch vom Heavy Metal geprĂ€gten Lebens, sagt jedoch auch sehr viel ĂŒber ihre Persönlichkeit aus. Dasselbe tut ‚Loud Arriver’, ein DebĂŒt, das man so von drei bisher fest im extremen US-Black/Thrash/Death Metal verwurzelten MusikerInnen nicht erwartet hĂ€tte.

Dreh- und Angelpunkt bei SONJA ist Melissa Moore, ebenso aktiv als Donna Violence bei den blasphemischen CROSSSPITTER, bei den Thrashern RUMPELSTILTSKIN GRINDER und einem grösseren Publikum bisher vor allem bekannt als Vis Crom, langjĂ€hriger Gitarrist und Songwriter bei ABSU. Es war fast unmöglich, das erbĂ€rmliche Schmierentheater um Moores Rauswurf von den texanischen Occult-Blackthrashern zu ignorieren, nach ihrem öffentlichen Einsatz gegen die 2018 von den Republikanern unter Trump geplante extrem restriktive Gender-Gesetzesnovelle, die die gesellschaftliche Stimmung gegenĂŒber Transgendern in den USA noch aggressiver als bisher…

GOTT – To Hell To Zion (EP)

Der Tod, so schmerzhaft er auch ist, ist Teil des Lebens und seines ewigen Zirkels von Werden und Vergehen. Als Michiel Eikenaar am 12. April 2019, mitten wĂ€hrend des Roadburn Festivals, nur zweiundvierzigjĂ€hrig seinem Krebsleiden erlag, war auch die NiederlĂ€ndische (Black) Metal-Szene tief erschĂŒttert. Seine ehemalige Band DODECAHEDRON, das NL-BM-Allstar-MAALSTROM-Projekt und auch MOLASSES widmeten dem Tilburger ihre dortigen Auftritte, aber der Verlust des charismatischen, beliebten und umtriebigen Frontmannes hinterliess eine riesige LĂŒcke, fĂŒr viele seiner Freunde eine tiefe Wunde, die nur schwer verheilt.

Angesichts eines solchen Todes stellen Menschen seit Urzeiten die Frage nach der Existenz Gottes, und Dave van Beek (GGU:LL, ex- DODECAHEDRON), einer von Michiels engen Freunden, nahm dessen Tod und auch die Zeit der Pandemie zum Anlass, ein eigenes Gartenstudio namens “The House Of Doom” zu bauen sowie eine neue Band fĂŒr Kompositionen, die nicht in seine anderen Kapellen passten, zu grĂŒnden, um zusammen diesen grossen Verlust zu verarbeiten. Die Single ‚Axiom VI’ war im Sommer 2019 das erste Lebenszeichen von GOTT, ein ergreifendes Lied ĂŒber den Tod und vor allem, wie das gesamte Bandschaffen, eine Hommage an Eikenaar. Nun kommt ihre erste EP ‘To Hell To Zion’, auch auf Vinyl…

PANZERFAUST – The Suns of Perdition, Chapter III: The Astral Drain

Don’t judge a book by it’s cover – und lass dich nie mehr von einem unappetitlich martialischen deutschen Bandnamen bei fremdsprachigen Bands abschrecken! Dass ich um PANZERFAUST bisher einen grossen Bogen gemacht habe, reut mich nun, denn das vorliegende Album lief mir vom ersten Spin an extrem gut rein, und da es sich um den dritten Teil einer Tetralogie handelt, musste ich natĂŒrlich nachsitzen und mir zumindest die beiden VorgĂ€nger draufschaffen. Selbst schuld! Oder eher – zum GlĂŒck noch rechtzeitig begriffen?

Die ersten beiden Teile, ‚The Suns of Perdition: Chapter I – War, Horrid War’ und ‚Chapter II: Render Unto Eden’, unterscheiden sich so stark voneinander wie vom nun vorliegenden dritten Teil, der mir persönlich am meisten entgegenkommt – hĂ€tte ich mit dem themenentsprechend extrem brutalen und zwischen Bösartigkeit, Aggression, Verzweiflung und Qual pendelnden ‚War, Horrid War’ begonnen, wer weiss, ob ich am Ball geblieben wĂ€re. Krieg und alle seine Werkzeuge und Schrecken werden hier so dermassen drastisch vertont und verarbeitet, dass entsprechend harte Kost dabei herauskommt. PANZERFAUST haben verschiedene Kriegsszenarien der Neuzeit herangezogen, besonders…

IMPERIAL TRIUMPHANT & PI live

Ein heisser Hochsommertag in Straßburg, das Zentrum zwischen Kathedrale und La Petite France platzt fast vor lauter Touristen, und auch eine kleine Reisegruppe aus New York City ist fĂŒr einen Abend hier, um die eigene Megacity auf ihre Art zu besingen – mit den Mitteln von Black und Death Metal sowie einem guten Schuss Jazz. IMPERIAL TRIUMPHANT sind auf grosser ‘Mother Of Greed’-Europatour mit insgesamt 27 Auftritten auf diversen Festivals und in mittelgrossen Clubs. Noch sind sie bei uns nur Insidern bekannt, doch ihr aktuelles und fĂŒnftes Album ‚Spirit Of Ecstasy’ sollte das nun schnell Ă€ndern, es wird auf jeden Fall in diversen Jahresendlisten zu finden sein.

Doch zuerst will der Weg ins erst vor zwei Jahren neu eröffnete La Maison Bleue im SĂŒden der Stadt gefunden werden, und so kommt es, dass ich von PI, die sehr pĂŒnktlich gestartet sind, nur noch den Rest des Auftrittes zu hören bekomme. Das multinationale Trio hat sich 2015 hier in Straßburg gegrĂŒndet und besteht aus dem Mexikaner Guillermo GonzĂĄlez an der Neunsaitigen, Guido Pedicone aus Argentinien am fretless Bass sowie Lokalmatador Ludovic Muller am Schlagzeug. Die drei haben sich einen sehr technischen, instrumentalen und in Richtung Death Metal gewichteten Progmetal auf die Fahnen geschrieben, den sie sehr selbstversunken ihrem Publikum, das ganz offensichtlich gut mit ihrem 2019er DebĂŒt ‚Transmutation Circles’ vertraut ist, prĂ€sentieren…

EXANIMATVM – Sollvm Ipsa Mor

Ob Punta Arenas, die sĂŒdlichste Stadt der Welt, ganz unten an der Spitze des Kontinents im windgepeitschten, eisigen und kargen subantarktischen SĂŒden Chiles gelegen, durch das riesige Eisschild abgeschnitten und isoliert vom Rest des Landes, nĂ€her an R’lyeh liegt als irgendein anderer Ort der Welt? Lauscht man EXANIMATVM, so drĂ€ngt sich dieser Gedanke schnell auf, zumal wenn man wie ich ein Jahr lang dort an der Magellanstrasse gelebt hat und die Gegend daher kennt. Zumindest ist die berĂŒchtigte Isla Dawson nicht weit entfernt, genutzt als GefĂ€ngnisinsel zuerst fĂŒr die Ausrottung der Ureinwohner und spĂ€ter im Pinochet-Regime als Folter- und Konzentrationslager fĂŒr Oppositionelle. Ein rauher, unwirtlicher, karger und kaum besiedelter Fleck Erde in grandioser, wunderschöner Natur, dem lange ĂŒbel mitgespielt wurde, bevor er als Touristendestination in unmittelbarer Nachbarschaft zu Feuerland, Kap Hoorn und dem Torres del Paine-Nationalpark sowie als Hafen fĂŒr Antarktiskreuzfahrten Aufwind bekam.

Die Winter sind lang, dunkel und kalt, Tier und Mensch mĂŒssen sich der rauhen Natur anpassen, um zu ĂŒberleben. Diese Einsamkeit, das auf sich selbst gestellt und ausgeliefert sein an die Elemente findet sich im Death Metal EXANIMATVMs stets wieder, der von dĂŒsterster AtmosphĂ€re nur so strotzt. ‚Sollvm Ipsa Mor’ ist die zweite full length des 2013…