MISOTHEIST – Vessels By Which The Devil Is Made Flesh

Black Metal ist heute mehr denn je ein Vehikel, um ohne den Umweg ĂŒber den Intellekt pure GefĂŒhle zu vertonen und dadurch eben auch auszuleben, die sich anders nicht ausdrĂŒcken lassen. Wut, Hass, Angst, Verzweiflung, Gewalterfahrung, Unverstandensein, Ekel, Scham, Verachtung, RachegelĂŒste, Einsamkeit, Eifersucht, Trauer – you name it, alle so richtig negativen Emotionen finden hier ein willkommenes Ventil, aber auch solche wie Sehnsucht, Zweifel oder Melancholie. Die dafĂŒr genutzten musikalischen Mittel sind mittlerweile weitgehend Interpretationssache; auch wenn sich natĂŒrlich Grundstrukturen und stilprĂ€gende Elemente wie die allumfassende Repetition stets wiederfinden lassen, ist die kreative Bandbreite des Genres heute so weit offen wie nie zuvor – und genau diese unglaubliche Vielfalt und stĂ€ndige Evolution macht es ja gerade so spannend und faszinierend.

Trotzdem kann man sich die Frage stellen, was denn eigentlich zeitgemĂ€ssen Black Metal im Kern ausmacht, was sozusagen heute die Definition, die Essenz des Stils ist? WĂ€hrend viele weiterhin expansiv mit GrenzĂŒberschreitungen experimentieren, versuchen sich im Gegensatz dazu nicht wenige Bands an genau dieser Aufgabe der Reduktion, und eine Szene, die sich (nicht nur) damit einen Namen gemacht hat, die Fahne des weiterentwickelten klassischen…

LINUS KLAUSENITZER – Tulpa

Wer mich kennt weiss: der Bass ist fĂŒr mich das wichtigste und daher auch mein liebstes Instrument in der Rockmusik, und somit sind es logischerweise auch vor allem die BassistInnen, die ich am meisten schĂ€tze – ganz in Gegensatz zur landlĂ€ufigen Meinung ĂŒber die Virtuosen an den dicken Saiten. Und auch hier höre ich vor allem diejenigen sofort aus einem unbekannten neuen StĂŒck Musik heraus, die einen ganz eigenen und individuellen Stil und Sound pflegen, technisch herausstechen aus der Masse und damit völlig neue Impulse fĂŒr ihre Bands und Genres geben.

Linus Klausenitzer, einer der mittlerweile gereiften Extremmetalhead-Musikstudenten der Regensburg-Landshut-MĂŒnchen-Achse, aus der seit Beginn der 2000er so grossartige Prog/Teach-Death und -Blackmetal-Formationen wie NONEUCLID, OBSCURA, ALKALOID und DARK FORTRESS hervorgingen, gehört ganz vorne mit zu diesen Musikern. Egal mit wem er spielt, er setzt stets Akzente, die auffallen und formt souverĂ€n und technisch herausragend die Basis komplexer Songs mit und brilliert mit geilen Soli, ohne sich dabei in den Vordergrund zu drĂ€ngen. Hinzu kommt dass er meist fretless spielt, und hat gerade damit einen wunderbar warmen, vollen und trotzdem metal as fuck direkten Sound entwickelt, der geradezu ins Ohr hineinschmilzt, wenn er sich nicht gerade stĂ€hlern hineinfrisst – doch dazu spĂ€ter…

V/A – Blast No.1 – Blastbeat Tribute To TYPE O NEGATIVE

TYPE O NEGATIVE sind bei aller Wut und HĂ€rte der ersten Alben doch vor allem eine Band, deren Musik Fans in entsprechend entspannter Stimmmung geniessen, gerne des Nachts bei Kerzenlicht und einem oder mehreren GlĂ€sern Rotwein, eben ganz im Sinne von Lord Petrus Steele. Dass die Songs der Drab Four jedoch auch funktionieren können, wenn sie extrem hochgedreht, ultrafies gegen den Strich gebĂŒrstet, ĂŒbelst gegrunzt und somit noch krasser als in CARNIVORE-Manier gespielt werden, zeigt dieser Sampler, fĂŒr den sich 19 Grindcore et al.-Bands an ausgewĂ€hlten StĂŒcken versucht haben.
Die Idee dazu stammt von 783Punx-Boss Edi, der den Bands aus dem hochgedrehten Spektrum zwischen Crust-Punk, Death Metal, Grindcore, Powerviolence und D-Beat jedoch klare stilistische Vorschriften gab: “Take a slow and long ToN song and convert it into short and super-fast grindcore song, but try to keep it as recognisable as possible”, was in den meisten FĂ€llen auch genau so umgesetzt und erreicht wurde. Schon allein die Songauswahl ist wirklich gelungen, es sind so ziemlich alle Hits und Signature-Songs aus den sieben Alben der New Yorker versammelt, darunter natĂŒrlich auch solche, die selbst auf 45 rpm abgespielt nicht das Tempo der vorgelegten Versionen erreichen wĂŒrden und somit kaum…

BELL WITCH & FUOCO FATUO live im P8ÂČ Karlsruhe

Knapp zu spĂ€t, die erste Band hat gerade begonnen, komme ich ins P8ÂČ und wundere mich, dass von den Leuten, die neben dem Mischpult stehen, bis vor zur BĂŒhne alles leer ist. Ich finde das FUOCO FATUO gegenĂŒber unfair und gleichzeitig sehr verwunderlich, dass offenbar bisher kaum jemand da ist beziehungsweise weiter nach vorne geht. Als ich jedoch schliesslich mit flĂŒssiger Erfrischung ausgerĂŒstet Richtung BĂŒhne strebe, erkenne ich meine FehleinschĂ€tzung, denn es bietet sich mir ein Ă€usserst ungewohnter, ja fĂŒr Doom Metal geradezu skurriler Anblick: der Zuschauerraum ist bestuhlt, und das Konzert keineswegs schwach besucht, sondern die Meisten sitzen eben. Damit hatte ich nun wirklich nicht gerechnet, doch wieviel Sinn dies gerade fĂŒr den Hauptact BELL WITCH macht, werden wir im Laufe des Abends noch lernen…

SØSTRE – s/t

Das sogenannte moderne Leben auf diesem Planeten voller Irrer ist kein Spass, und kann einer schon mal ein apokalyptisches Seelentief inklusive totalem RĂŒckzug aus dem ganzen Wahnsinn verschaffen. Absolut verstĂ€ndlich, oder? Und entsprechend dĂŒstere Musik kann dann dabei helfen, etwas Abstand zum ganz normalen Wahnsinn zu bekommen. Doch auch der grösste schwarzmetallische Misanthrop und Griesgram, der nerdigste Psychedelic-Progster oder der superXstraightedge Punk brauchen ab und zu etwas Spass durch einen gewaltigen musikalischen Arschtritt, um aus ihren Gedankenschleifen heraus zu kommen und wieder geerdet, happy und verschwitzt zusammen mit anderen am Leben teilzunehmen, aka es so anarchisch und fröhlich wie nur möglich zu feiern.

Den perfekten Soundtrack dazu liefert eine neue Band aus dem norwegischen Bergen, das zwar eher fĂŒr folkloristisch angehauchten Black Metal bekannt ist, aber eben auch eine „Punkrock City“ mit einer extrem aktiven Szene ist. Die vier Schwestern (“SĂžstre”) sind zwar allesamt mĂ€nnlich, etwas Verspieltes geht ihnen jedoch bei aller HĂ€rte nie ab, sie schwelgen thematisch in schwarzer Magie und SciFi, Ritualen und Philosophie, Schlangen und explodierenden Monden, Schwerelosigkeit und Bewusstseinserweiterung, und beweisen auch musikalisch sehr viel blĂŒhende Phantasie…

SIGH – Live: The Eastern Forces Of Evil

Wie viele andere Bands haben auch die japanischen Black Metal-Avantgardisten SIGH wĂ€hrend der Corona-Zeit die Möglichkeit schĂ€tzen gelernt, Konzerte ohne Publikum zu spielen und sie per youtube zu veröffentlichen, und so gingen sie auch im Jahr vor ihrem 30jĂ€hrigen BandjubilĂ€um auf die traditionell gestaltete BĂŒhne, um ihrer eigenen Geschichte zu bedenken sowie die neuen Songs des Magnum Opus ‚Shiki’ (siehe Review hier) endlich live zu spielen. Es war anfangs gar nicht geplant, dabei ihr drittes Livealbum aufzunehmen, doch da die Aufnahme so gut geriet, wurde eben ‚Live: The Eastern Forces Of Evil’ daraus, ein Querschnitt durch das Beste des aktuellen Albums, aber vor allem die verdorbenen FrĂŒchte aus dreissig Jahren absoluter Pionierleistung im ostasiatischen Black Metal.

Die titelgebende Zeile und wohl auch SelbstverstĂ€ndnis der Band stammt denn auch aus dem ersten Song nach dem Intro, ‚A Victory of Dakini’ vom SIGH-LP-DebĂŒt ‚Scorn Defeat’ aus dem Jahre 1993, die zeigt, wer damals Bandleader und heutzutage einzigem GrĂŒndungsmitglied Mirai Kawashima’s grosse Vorbilder waren, das Ding ist auch in der heutigen Version noch VENOM-Worshipping galore, und erschien zudem damals auf Euronymous Label “Deathlike Silence Productions”. Gleichzeitig ist der aktuelle Plattentitel ein Zitat des ersten, spĂ€ter offiziell gewordenen Bootleg…

CANCELLED!!! Vendetta Fest 2023

Das Post-Corona-Zeitalter ist noch mehr als zuvor gekennzeichnet durch Unsicherheit und ZurĂŒckhaltung, gerade auch was die Planung der Freizeit angeht. Das Geld sitzt nicht mehr so locker wie zuvor, und viele in der Szene mĂŒssen sich sehr gut ĂŒberlegen, in welche Konzerte und Festivals sie ihr verbliebenes Budget investieren, und sind zögerlich geworden, sich bereits im Vorverkauf Karten zu sichern. Das fĂŒhrt jedoch fĂŒr die Veranstalter oft zu kaum planbaren Situationen, denn auch sie mĂŒssen um den Fortbestand ihrer Locations kĂ€mpfen. Kurz und schmerzlos: wenn der Vorverkauf nicht schnell besser wird, gibt’s kein Vendetta Fest 2023!

Und das wĂ€re in vielfacher Hinsicht schade, denn gĂŒnstiger als mit nur 26.- Öcken seht ihr nirgends ein solches Killerpackage wie hier, die Namen kann man sich wirklich auf der Zunge zergehen lassen: ULTHA, SUN WORSHIP, VEHEERER, NAXEN, KOLD und UDÅNDE werden am ersten Samstag im Oktober den Laden komplett verdunkeln und erbeben lassen – allerdings nur, wenn ihr euch rasch um Tickets bemĂŒht….

BLACKBRAID – II

Inwieweit beeinflusst die Natur um uns, die Landschaft, der Grund und Boden, auf dem wir geboren, aufgewachsen sind und leben, unsere Kunst? Hat der geographische Hinter-, oder besser Untergrund verglichen mit dem kulturellen, mit den Traditionen und der Geschichte, ĂŒberhaupt einen Einfluss auf Menschen? Hört man das Lagerfeuer und die ersten gezupften Töne von ‚Autumnal Hearts Ablaze’, dem Intro zum zweiten BLACKBRAID-Album, fĂŒhlt man sich jedenfalls sofort nach Nordamerika versetzt, und zwar in eine nördliche, bergige Region wilder WĂ€lder; musikalisch erinnert es anfangs vielleicht genau wegen dieser Naturstimmung an Cascadian Black Metal und WOLVES IN THE THRONE ROOM oder AGALLOCH, schnell kommt jedoch noch eine andere Note hinzu, und zwar eine, die lĂ€ngst ĂŒberfĂ€llig war – der Einfluss und Ausdruck der ursprĂŒnglichen Bewohner des Landes.

BLACKBRAID ist das Soloprojekt von Sgah’gahsowĂĄh, der nach dem gerade in den USA extrem gefeierten DebĂŒt ‚Blackbraid I’ bereits ein knappes Jahr spĂ€ter nun dessen Nachfolger vorlegt, doch die vorgelegte Release-Geschwindigkeit sowie nochmalige qualitative Weiterentwicklung der Musik sind bei weitem nicht das einzig Erstaunliche an dieser Neuentdeckung. Es ist nicht die erste indigene US-Black Metal Band (von denen die meisten…