IATT – Magnum Opus

Schon interessant, wie es manchmal lĂ€uft im Leben – einen wirklichen Zugang zu ‚Magnum Opus’ habe ich erst bekommen, als ich mich zeitgleich zum einen mit IBARAKI, und zum anderen mit der neuen SEPTICFLESH beschĂ€ftigt habe. Dann hat das Album auf einmal gezĂŒndet, und auch wenn Jay Briscoe mit seinen fiesen, entweder zum Highpitch oder in Grabestiefen ĂŒberdrehten, stark metalcorebasierten Shouts nie zu meinen favorisierten SĂ€ngern gehören wird, kann ich seine Vocals nun besser einordnen. Bei einer Platte, die mit einer melancholischen Violine startet, kommt solch krasser Gesang eine Minute spĂ€ter einfach ĂŒberraschend, aber eben auch solche Dinge wie Saxophonsoli, Flamencogitarren, barocke Pianopassagen, Klangschalensessions, spacige Keyboardsounds oder coole JazzlĂ€ufe, und IATT (ehemals I AM THE TRIREME) haben all das im Programm. Das Quartett aus Philadelphia will sehr viel, und hat noch viel mehr Ideen.

Zu den oben genannten Bands könnte man noch FLESHGOD APOCALYPSE, aber auch IMPERIAL TRIUMPHANT hinzufĂŒgen, und damit ist die Arena, in der ‚Magnum Opus’ agiert, einigermassen abgesteckt. Zwischen technischem, teils verspielt symphonischem Death Metal mit rhythmischem US-Metalcore-Kern und sehr experimentellem, progressivem Black Metal kommt hier alles bunt gemischt aufs Tapet, und kann den Hörer anfangs tatsĂ€chlich ĂŒberfordern, weil so viel auf einmal passiert…

17 YEARS SOUND OF LIBERATION – Festivals

Eigentlich wollten Sound Of Liberation, die Schwergewichte im Bereich fuzziger Riffs, ihr 15-jĂ€hriges Bestehen schon vor zwei Jahren ausgiebig und stilgerecht mit fetten Festivals feiern, stattdessen orientierte sich die damals reine Veranstaltungs- und Bookingagentur notgedrungen um und grĂŒndete ihr eigenes Label plus Webshop, womit sie sich erfolgreich ĂŒber die lange Covid-Zeit retten konnten. Zum GlĂŒck fĂŒr alle Stoner-, Heavy Rock- und Psychedelic Fans rund um die Welt! Und nun können auch die ausgiebigen FestivitĂ€ten endlich nachgeholt werden.

Matte, CEO bei Sound Of Liberation, berichtet: „Bereits 2019 hatten wir unser 15-jĂ€hriges Bestehen unseres kleinen Unternehmens fĂŒr Juni 2020 geplant. Wir haben ein fettes, internationales Line-Up gebucht und mit Promotion und Ticketverkauf begonnen. An dieser Stelle ist es unnötig zu erwĂ€hnen, da wir alle wissen was in den letzten 2 Jahren mit Live Musik und Veranstaltungen passiert ist.
Ehrlich gesagt wussten wir nicht, ob wir den Covid Clash mit SOL ĂŒberleben wĂŒrden, daher sind wir mehr als dankbar und glĂŒcklich, dieses Wochenende endlich unseren Firmengeburtstag in MĂŒnchen (Backstage) und in zwei Wochen in Wiesbaden (Schlachthof) feiern zu können. Ich danke euch allen fĂŒr eure UnterstĂŒtzung in all den Jahren und hoffentlich sehen wir uns bei einer oder beiden unserer Geburtstagsfeiern!”

Die erste steigt bereits am kommenden Wochenende im wunderbaren Backstage in MĂŒnchen, weiter geht’s zwei Wochen spĂ€ter im Schlachthof Wiesbaden…

WAZZARA & DORDEDUH live

Zwei Bands und ihre jeweiligen Zweitlinge haben mich durch das vergangene Jahr auf besondere, doch ganz unterschiedliche Weise begleitet, was sich dann auch entsprechend in meinem JahresrĂŒckblick niederschlug. Zuerst ĂŒberraschten DORDEDUH im Mai mit ihrem zwischen Progrock und folkloristischem Black Metal pendelnden Jahrhundertalbum ‚Har’, das mich mit seiner positiven Kraft, Schönheit und geerdeten SpiritualitĂ€t durch den gesamten Sommer begleitete. An Samhain brachten dann die mir bis dahin unbekannten WAZZARA um Barbara Brawand ihr LP-DebĂŒt ‚Cycles’ heraus, was mich komplett umgehauen hat – es trifft nicht nur genau meinen Musikgeschmack mit seinen vielen Stimmungs- und Dynamikwechseln in seiner stimmigen Melange aus bassbetontem Doom, grossen Melodien und extremmetallischer HĂ€rte, sondern hat mich, aber vor alle mit seinem thematischen und sprituellen Fokus auf kraftvolle, schöpferische, eben zyklische Weiblichkeit gleichzeitig ermutigt und ganz tief beruehrt.

Als ich jedoch herausfand, dass Putrid aka Andrei Jumugă auf beiden Alben Schlagzeug spielt, da die Bands miteinander befreundet sind, hat sich ein Kreis geschlossen, und ich habe mich nicht mehr wirklich gewundert, als das ursprĂŒnglich fĂŒr den 11. Dezember 2021 geplante gemeinsame Konzert im Gaswerk Winterthur angekĂŒndigt wurde. Da muss ich hin! Was fĂŒr ein GlĂŒck, diese beiden Bands zusammen auf einer intimen ClubbĂŒhne zu erleben! Big C hat jedoch zuerst einmal einen Strich durch die Rechnung…

IN TWILIGHT’S EMBRACE – Lifeblood

Typisch fĂŒr den zeitgenössischen atmosphĂ€rischen Black Metal aus Polen ist ja eine alles durchdringende industrielle KĂ€lte und fast maschinenhafte AusfĂŒhrung bei zwischen Resignation und Nihilsmus pendelnder, oft auch ritueller Stimmung. Wenn sich eine Band jedoch seit ihrer GrĂŒndung 2003 stilistisch vom Metalcore ĂŒber Gothenburg-Melo/Death Metal schliesslich zu Blackmetallern entwickelt, haben sie schon rein technisch einiges mehr in der Hinterhand als ein reiner BM-Act, kompositorisch sowieso. Was bei ‚Lifeblood’ sofort auffĂ€llt ist der extreme Technikfokus bei trotzdem durchweg melodiebetonten Arrangements, fesselnden Dynamikwechseln und einem sehr eigenstĂ€ndigen Stil. Sicher, eine NĂ€he zu BLAZE OF PERDITION aber auch MORDASTIGMATA ist nicht zu verleugnen, was jedoch auch an personellen Überschneidungen mit Ersteren liegt, und natĂŒrlich der gemeinsamen Szene.

Doch tatsĂ€chlich sind IN TWILIGHT’S EMBRACE musikalische Kosmopoliten, die ebenso viel vom schwedischen wie französischen sowie sĂŒdeuropĂ€ischen Extremmetal in ihre eigene Melange einfliessen lassen, wie sie sich auf ihre Herkunft besinnen. Heraus kommt eine sehr moderne Interpretation des Genres voller GegensĂ€tze, die sich zu einem passgenau einzig- und neuartigen Sinneseindruck vereinen, der ĂŒberaus stimmig, schon durch seine Hochgeschwindigkeit im Kontrast zu spannungserzeugenden Breaks und mĂ€chtigen Lowtempo-Parts mitreissend und vor allem originell ist…

Charly HĂŒbner ĂŒber MOTÖRHEAD oder Warum ich James Last dankbar sein sollte

“Motörhead ist fĂŒr mich gleichzeitig Rettungsanker und Rakete im Arsch, und ein Abstandhalter zwischen der Welt und mir”

Ich liebe Überraschungen, vor allem solche, die wirklich komplett unerwartete Einsichten in die wilden Wege des Lebens bringen. Bei Charly HĂŒbner dachte ich bisher an ‘Polizeiruf 110’, diverse Kino- und TV-Filme (wie zuletzt ‘Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush’), und weiss auch noch irgendwie, dass er am Deutschen Schauspielhaus Hamburg tĂ€tig ist, hatte jedoch bislang keinerlei Ahnung von unserer gemeinsamen grossen Liebe zu drei Haudegen aus England, zusammen MOTÖRHEAD genannt.

In seinem ersten Buch, erschienen im Oktober 2021 in der spannenden Reihe „KiWi MUSIKBIBLIOTHEK“, versucht HĂŒbner nun genau diese lebenslange Begeisterung fĂŒr seine absolute Lieblingsband zu ergrĂŒnden, und zwar mithilfe des Teufels, zu dem er seit Kindesbeinen einen ausgesprochen guten Draht hat und der praktischerweise regelmĂ€ssig in HĂŒbners Heimat SĂŒdmecklenburg anzutreffen ist, genauer gesagt „am Teufelsstein im Hullerbusch“.

Gemeinsam mit ihm begibt sich der Schauspieler, geboren 1972 in Neustrelitz, zurĂŒck in seine Kindheit und Jugend in der tiefen DDR-Provinz, und lebt in einer rasanten Zeitreise persönliche SchlĂŒsselmomente (wie das durch Schlagerallergie vollgekotzte elterliche Auto, die MassenschlĂ€gerei…

PREDATORY LIGHT – Death And The Final Hours

Ein Proto-Black Metal-Style, aber sauber auf dem Stand der Zeit abgemischt, ein bösartiges Bellen mit schwĂ€rzesten Botschaften allein ĂŒber ein Thema, den Tod und das Ende aller Zeiten, und immer ganz vorne und ĂŒber allem drĂŒber diese schneidende und gleichzeitig fast barocke Gitarre, die hier die eigentliche Hauptrolle spielt – und selbst kaum einzuordnen ist. Es ist eine bizarre Mischung, die PREDATORY LIGHT aus Santa Fe uns da mit ihrem Zweitling ‚Death And The Twilight Hours’ kredenzen.

Psychedelisch, exzentrisch, aus der Zeit gefallen und diese in vier teils sehr ausufernden Longtracks auch mal vergessend, irgendwie schrĂ€g, oft dissonant, absolut nicht in irgendwelche Schubladen einzuordnen, aber vielleicht gerade deswegen so reizvoll kommt dieser Mix aus Black und etwas Death Metal plus einer ordentlichen Dosis Doom, auch im Wortsinn, daher, der vor allem Liebhaber eher kauziger KlĂ€nge ansprechen wird. Die wilde Truppe aus dem kreativen und spirituellen Schmelztiegel New Mexicos, personell deckungsgleich mit den Deathern SUPERSTITION und somit auch mit ASH BORERs und VANUMs Kyle Morgan am Sechssaiter, hat sich diesmal dem Schwarzen Tod, also der Pest verschrieben, und orientiert sich dabei an Berichten von Lukrez ĂŒber die Pest in Athen 430 v. Chr. bzw. Boccaccio…

BEDSORE / MORTAL INCARNATION – Split

Man muss sich ja schon Gedanken machen ĂŒber das Sorgenkind Death Metal. Irgendwie hĂ€ngengeblieben im ewigen WiederkĂ€uen alter Ideen, Technik sehr gut, aber Innovation mangelhaft, ausser in gewissen ausserschulischen Untergrund-Arbeitskreisen ist die Motivation, etwas zum eigenen Vorankommen zu tun, eher gering. Sich an den Ă€lteren MitschĂŒlern zu orientieren, die schon x-Mal die Ehrenrunde gedreht haben seit sie sich auf lĂ€ngst verwelkten Lorbeeren ausruhen, macht eben auch nix besser. Und dann dieser latente Hang zur Gewaltverherrlichung und die Verweigerung, das tiefgestimmte eigene GefĂŒhlsleben abseits von Instinktbefriedigung und aggressiver ImpulsivitĂ€t zu erforschen – wenn das alles so weitergeht, ist die Versetzung aus der Metal-Grundschule stark gefĂ€hrdet. Dabei sah im Kindergarten doch alles noch so vielversprechend aus
 und nun hat das schwarze Familienschaf Black Metal den Ă€lteren Bruder fast komplett abgehĂ€ngt, was die Zukunftsperspektiven angeht. Sogar die Cousins Melodeath und Deathdoom haben noch die Kurve gekriegt und mittlerweile eine Festanstellung bei Majors, aber der klassische Deathmetal – ein wirklich trauriges Bild
 lange geht das nicht mehr gut.
Doch es gibt noch Hoffnung. Sie kommt, wie so oft, von weit draussen im All, wo aus grosser Distanz der GesamtĂŒberblick ĂŒber die Welt der Rockmusik und ihre ZusammenhĂ€nge leichter fĂ€llt. Zwei junge Bands, selbst durch…

ULTHA & UNRU live

Wisst ihr noch, wie BĂŒhnennebel riecht? Ich hatte das komplett vergessen, und das hat mir nochmal gezeigt, was die vergangenen zwei Jahre im Höhlen-RĂŒckzugsmodus mit mir gemacht haben. Wie viel ich komplett verdrĂ€ngt hatte, was zuvor einen riesigen Teil meines Lebens ausgemacht hat, und eben gerade den, der mir am meisten gibt. Livestreams sind schön und gut, aber eben allermeistens auch nur steriles TV, eine KrĂŒcke, Musikporno.
Sicher, auch ich habe mich drĂŒber gefreut, in all der seltsamen Zeit Bands auf diese Weise ĂŒberhaupt mal zu sehen, aber genau das, was Konzerte so auszeichnet, die Vorfreude, die Gemeinschaft, das Leute treffen und reden, und vor allem die immer wieder neu und anders entstehende Energie zwischen Band und Publikum, das Grummeln der BĂ€sse in den FĂŒssen, das sich auch körperlich in die Musik fallen lassen, die Entdeckungen am Merchtisch und natĂŒrlich auch der Nackenmuskelkater am Tag danach – all das fehlte mehr als schmerzhaft.

Umso besser, dass sich bei der UNRULTHA-Tour nun alle Beteiligten Riesendosen an Nebel einfahren konnten, und natĂŒrlich auch alles andere, was eben so dazugehört. Neun Dates in Deutschland mit kurzen Abstechern nach Holland und Österreich, so kann man seine Osterferien auch verbringen, vor allem wenn man mit Freunden unterwegs ist…

SPRING DUDEFEST 2022

Konzert, sogar Festival, wie ging das nochmal? Was muss ich mitnehmen? Der Griff zur Maske ist so fest eingeĂŒbt wie der zum Portemonnaie, aber sonst? Ahso, ja klar, Gehörschutz, es wird ja laut! Laut? Seltsam
 es war doch so angenehm, wie still die Welt geworden war, und nun freue ich mich auf LĂ€rm? Ja, tu ich! Alles paradox. Was frĂŒher Alltag war, ist nun erstmal ungewohnt.

Ach ja und die Kamera! Ist der Akku ĂŒberhaupt geladen? Bin total aus der Übung
 wozu eigentlich Bilder, soll ich ĂŒberhaupt einen Festivalbericht schreiben, interessiert das heutzutage jemanden? Egal, sehn wir dann, los jetzt!

Alles fĂŒhlt sich noch so „anders“ an, so ungewohnt, zumindest bis man in der Location angekommen ist, einen Stempel auf die Haut gedrĂŒckt bekam und an der Bar das erste GetrĂ€nk geholt hat. Nebenan ist schon Soundcheck, sofort ist die hibbelige Spannung da, wie der Abend wohl wird, man geht automatisch zu den Merchtischen und schaut sich um, wer noch so alles da ist. Und dann startet die erste Band, und plötzlich ist doch alles wie immer…

SATYRICON & MUNCH

…wenn Black Metal auf bildende Kunst trifft
„Ich ging spazieren mit zwei Freunden. Da sank die Sonne. Auf einmal ward der Himmel rot wie Blut, und ich fĂŒhlte einen Hauch von Wehmut. … Meine Freunde gingen weiter, und ich stand allein, bebend vor Angst. Mir war, als ginge ein mĂ€chtiges, unendliches Geschrei durch die Natur.“ 
(Edvard Munch 1891 ĂŒber ‘Der Schrei’)
Habt ihr Musik schon einmal gesehen? Sie nicht nur gehört, sondern gleichzeitig auch Bilder davon vor eurem inneren Auge gehabt? Nicht nur echte Synaesthetiker, also Menschen, die beispielsweise Töne gleichzeitig als verschiedene Farben oder GeschmĂ€cker wahrnehmen, kennen solche automatischen Verbindungen unterschiedlicher Sinnesreize; auch ohne diese spezielle FĂ€higkeit ordnen wir EindrĂŒcke verschiedenen Empfindungen zu, erleben Farben als „kalt“ oder „warm“, KlĂ€nge als „grell“ oder „weich“, LaustĂ€rken als „bedrohlich“ oder „geheimnisvoll“

Um einen umfassenden Eindruck von etwas zu bekommen, setzen wir also mehrere Sinne gleichzeitig ein, jeder Waldspaziergang wird so zum Bad in Sinnesreizen, es gibt zu sehen, riechen, hören und fĂŒhlen, und wir kommen nicht nur wegen der guten Luft erfrischt nach Hause, sondern weil auch unsere Seele berĂŒhrt wurde. Kunst wirkt auf dieselbe Weise…