Schlagwort: Black Metal

PANZERFAUST – The Suns of Perdition, Chapter III: The Astral Drain

Don’t judge a book by it’s cover – und lass dich nie mehr von einem unappetitlich martialischen deutschen Bandnamen bei fremdsprachigen Bands abschrecken! Dass ich um PANZERFAUST bisher einen grossen Bogen gemacht habe, reut mich nun, denn das vorliegende Album lief mir vom ersten Spin an extrem gut rein, und da es sich um den dritten Teil einer Tetralogie handelt, musste ich natürlich nachsitzen und mir zumindest die beiden Vorgänger draufschaffen. Selbst schuld! Oder eher – zum Glück noch rechtzeitig begriffen?

Die ersten beiden Teile, ‚The Suns of Perdition: Chapter I – War, Horrid War’ und Chapter II: Render Unto Eden’, unterscheiden sich so stark voneinander wie vom nun vorliegenden dritten Teil, der mir persönlich am meisten entgegenkommt – hätte ich mit dem themenentsprechend extrem brutalen und zwischen Bösartigkeit, Aggression, Verzweiflung und Qual pendelnden ‚War, Horrid War’ begonnen, wer weiss, ob ich am Ball geblieben wäre. Krieg und alle seine Werkzeuge und Schrecken werden hier so dermassen drastisch vertont und verarbeitet, dass entsprechend harte Kost dabei herauskommt. PANZERFAUST haben verschiedene Kriegsszenarien der Neuzeit herangezogen, besonders…

IMPERIAL TRIUMPHANT & PI

Ein heisser Hochsommertag in Straßburg, das Zentrum zwischen Kathedrale und La Petite France platzt fast vor lauter Touristen, und auch eine kleine Reisegruppe aus New York City ist für einen Abend hier, um die eigene Megacity auf ihre Art zu besingen – mit den Mitteln von Black und Death Metal sowie einem guten Schuss Jazz. IMPERIAL TRIUMPHANT sind auf grosser ‘Mother Of Greed’-Europatour mit insgesamt 27 Auftritten auf diversen Festivals und in mittelgrossen Clubs. Noch sind sie bei uns nur Insidern bekannt, doch ihr aktuelles und fünftes Album ‚Spirit Of Ecstasy’ sollte das nun schnell ändern, es wird auf jeden Fall in diversen Jahresendlisten zu finden sein.

Doch zuerst will der Weg ins erst vor zwei Jahren neu eröffnete La Maison Bleue im Süden der Stadt gefunden werden, und so kommt es, dass ich von PI, die sehr pünktlich gestartet sind, nur noch den Rest des Auftrittes zu hören bekomme. Das multinationale Trio hat sich 2015 hier in Straßburg gegründet und besteht aus dem Mexikaner Guillermo González an der Neunsaitigen, Guido Pedicone aus Argentinien am fretless Bass sowie Lokalmatador Ludovic Muller am Schlagzeug. Die drei haben sich einen sehr technischen, instrumentalen und in Richtung Death Metal gewichteten Progmetal auf die Fahnen geschrieben, den sie sehr selbstversunken ihrem Publikum, das ganz offensichtlich gut mit ihrem 2019er Debüt ‚Transmutation Circles’ vertraut ist, präsentieren…

EXANIMATVM – Sollvm Ipsa Mor

Ob Punta Arenas, die südlichste Stadt der Welt, ganz unten an der Spitze des Kontinents im windgepeitschten, eisigen und kargen subantarktischen Süden Chiles gelegen, durch das riesige Eisschild abgeschnitten und isoliert vom Rest des Landes, näher an R’lyeh liegt als irgendein anderer Ort der Welt? Lauscht man EXANIMATVM, so drängt sich dieser Gedanke schnell auf, zumal wenn man wie ich ein Jahr lang dort an der Magellanstrasse gelebt hat und die Gegend daher kennt. Zumindest ist die berüchtigte Isla Dawson nicht weit entfernt, genutzt als Gefängnisinsel zuerst für die Ausrottung der Ureinwohner und später im Pinochet-Regime als Folter- und Konzentrationslager für Oppositionelle. Ein rauher, unwirtlicher, karger und kaum besiedelter Fleck Erde in grandioser, wunderschöner Natur, dem lange übel mitgespielt wurde, bevor er als Touristendestination in unmittelbarer Nachbarschaft zu Feuerland, Kap Hoorn und dem Torres del Paine-Nationalpark sowie als Hafen für Antarktiskreuzfahrten Aufwind bekam.

Die Winter sind lang, dunkel und kalt, Tier und Mensch müssen sich der rauhen Natur anpassen, um zu überleben. Diese Einsamkeit, das auf sich selbst gestellt und ausgeliefert sein an die Elemente findet sich im Death Metal EXANIMATVMs stets wieder, der von düsterster Atmosphäre nur so strotzt. ‚Sollvm Ipsa Mor’ ist die zweite full length des 2013…

APTERA – You Can’t Bury What Still Burns

Sludgiger Doom, aber keine Testosteronspielchen. Klassischer Heavy Metal, aber null Pathos. Thrashiges Fauchen und Riffen, aber keine Angst vor progressiven Strukturen. Psychedelischer Stoner Rock, aber ohne Blümchen im Haar. Und zu all dem eine grosse Portion dreckiger Punkattitüde, das sind APTERA aus Berlin. Unschwer zu erkennen haben die Vier, von denen keine aus Deutschland stammt, sich von Anfang an in ihrer eigenen Nische eingerichtet, wie es so wohl nur in der Hauptstadt möglich ist, wo Genrecrossover quasi bei Bandgründung schon Programm ist.

Nach einem ersten Lebenszeichen per selbstbenannter EP hat das Quartett die Isolationszeit der letzten beiden Jahre gut genutzt und ein Debütalbum an den Start gebracht, das aufhorchen lässt. Und zwar nicht nur musikalisch, sondern weil hier vier junge Frauen einfach das machen, was sie wollen, und man(n) das auch jederzeit hört. Sie sind der Gegenentwurf zu jeder zusammengecasteten Girlband, und erst recht zu den „female fronted“ Bands, bei denen eine Alibifrau maximal ans Mikro darf. APTERA klingen und sind wild & frei, analog und dissonant, sie wollen niemandem gefallen – ausser sich selbst, und das ist gerade in den heutigen Backlash-Zeiten absolut ein Statement. Kein Wunder, dass bereits der Albumeinsteiger den vielverheißenden Namen ‚Voice of Thunder’ trägt, und ihm auch alle Ehre macht…

HULDER – The Eternal Fanfare

HULDERs Debüt ‘Godslastering: Hymns Of A Forlorn Peasantry’ war Anfang 2021 ein Paukenschlag, der deutlich machte, dass traditioneller 90er-Black Metal immer noch lebt, und sich sogar eines neuen Frühlings erfreuen kann, wenn ihm von berufenen Händen (und Stimmbändern!) eine so leidenschaftliche Frischzellenkur verpasst wird. Was The Inquisitor aka Marz Osborne, aus Belgien in die USA emigriert und dort nun auch verehelicht, da an Können, Vision, Trveness und ja, auch Heldenverehrung, in ihre Musik packte, war zwar für ein paar Puristen zuviel des Guten, fand jedoch in der Szene riesigen Anklang, und auch tiefen Respekt, ist HULDER, nur mit Ausnahme der Drums, doch eine echte One-Woman-Show, spielt sie doch sämtliche Instrumente ausser dem Schlagzeug, das ihr Mann bedient, selbst.

Dass sie klassischen Black Metal lebt und liebt, wie ihr Logo dafür brennt, und zwar inklusive dem entsprechenden historischen und folkloristischen Hintergrund, dem Ganzen jedoch immer ihren ganz persönlichen Stempel aufdrückt, haben wir schon auf dem Cover von ‚Godslastering’ gesehen, auf dem sie wie auch auf den aktuellen Promobildern im Gewand, aber mit breitem Killernietenarmband und gerne auch mit Waffen posiert, und hören es in ihren Intros und Keyboardpassagen, die vor allem an Mittelaltermusik angelehnt sind. Waren die Keys anfangs noch gewollt im primitiven Kirchenorgelstyle der 90ern, gab es jedoch bereits Naturgeräuschsamples, und so beginnt ‚The Eternal Fanfare’ nun mit Feuerknistern vor bedrohlichen…

STIRIAH – …Of Light

An STIRIAHs dritter LP ‚…Of Light’ habe ich mir lang die Zähne ausgebissen, tue es eigentlich immer noch. Das Quartett, das seinen Schwerpunkt von Dresden in die Hauptstadt verlagert hat, ist schwer zu fassen; als Rezensentin versuche ich anfangs automatisch, Bands irgendwo einzuordnen, indem ich unbewusst versuche, sie mit anderen zu vergleichen – dieser Weg ist vermutlich menschlich, wir versuchen intuitiv eine Ordnung zu schaffen, zuzuordnen, Ähnlichkeiten zu finden, doch das funktioniert bei STIRIAH nicht. Sie widersetzen sich einfachen Schubladen, und zwar durchaus mit Stolz.

Gut, natürlich hört man sofort, wo ihre Haupteinflüsse herkommen, das ist klassischer, ziemlich norwegischer Zweite Welle-Black Metal, mit einem grossen Melodieanteil, aber da ist noch einiges, unerwartetes mehr, und obwohl sie selbst ihren roten Faden offenbar ganz eindeutig kennen, die Stringenz der Platte legt das nah, lassen sie uns Hörer damit erstmal allein im Nebel stehen. Oder in totaler Verwirrung, völliger Un-Ordnung? Sie selbst nennen ihren Stil ja „Harmonic Black Chaos – since 2015“, und damit kommen wir der Sache vermutlich deutlich näher…

IATT – Magnum Opus

Schon interessant, wie es manchmal läuft im Leben – einen wirklichen Zugang zu Magnum Opus’ habe ich erst bekommen, als ich mich zeitgleich zum einen mit IBARAKI, und zum anderen mit der neuen SEPTICFLESH beschäftigt habe. Dann hat das Album auf einmal gezündet, und auch wenn Jay Briscoe mit seinen fiesen, entweder zum Highpitch oder in Grabestiefen überdrehten, stark metalcorebasierten Shouts nie zu meinen favorisierten Sängern gehören wird, kann ich seine Vocals nun besser einordnen. Bei einer Platte, die mit einer melancholischen Violine startet, kommt solch krasser Gesang eine Minute später einfach überraschend, aber eben auch solche Dinge wie Saxophonsoli, Flamencogitarren, barocke Pianopassagen, Klangschalensessions, spacige Keyboardsounds oder coole Jazzläufe, und IATT (ehemals I AM THE TRIREME) haben all das im Programm. Das Quartett aus Philadelphia will sehr viel, und hat noch viel mehr Ideen.

Zu den oben genannten Bands könnte man noch FLESHGOD APOCALYPSE, aber auch IMPERIAL TRIUMPHANT hinzufügen, und damit ist die Arena, in der ‚Magnum Opus’ agiert, einigermassen abgesteckt. Zwischen technischem, teils verspielt symphonischem Death Metal mit rhythmischem US-Metalcore-Kern und sehr experimentellem, progressivem Black Metal kommt hier alles bunt gemischt aufs Tapet, und kann den Hörer anfangs tatsächlich überfordern, weil so viel auf einmal passiert…

IN TWILIGHT’S EMBRACE – Lifeblood

Typisch für den zeitgenössischen atmosphärischen Black Metal aus Polen ist ja eine alles durchdringende industrielle Kälte und fast maschinenhafte Ausführung bei zwischen Resignation und Nihilsmus pendelnder, oft auch ritueller Stimmung. Wenn sich eine Band jedoch seit ihrer Gründung 2003 stilistisch vom Metalcore über Gothenburg-Melo/Death Metal schliesslich zu Blackmetallern entwickelt, haben sie schon rein technisch einiges mehr in der Hinterhand als ein reiner BM-Act, kompositorisch sowieso. Was bei ‚Lifeblood’ sofort auffällt ist der extreme Technikfokus bei trotzdem durchweg melodiebetonten Arrangements, fesselnden Dynamikwechseln und einem sehr eigenständigen Stil. Sicher, eine Nähe zu BLAZE OF PERDITION aber auch MORDASTIGMATA ist nicht zu verleugnen, was jedoch auch an personellen Überschneidungen mit Ersteren liegt, und natürlich der gemeinsamen Szene.

Doch tatsächlich sind IN TWILIGHT’S EMBRACE musikalische Kosmopoliten, die ebenso viel vom schwedischen wie französischen sowie südeuropäischen Extremmetal in ihre eigene Melange einfliessen lassen, wie sie sich auf ihre Herkunft besinnen. Heraus kommt eine sehr moderne Interpretation des Genres voller Gegensätze, die sich zu einem passgenau einzig- und neuartigen Sinneseindruck vereinen, der überaus stimmig, schon durch seine Hochgeschwindigkeit im Kontrast zu spannungserzeugenden Breaks und mächtigen Lowtempo-Parts mitreissend und vor allem originell ist…

PREDATORY LIGHT – Death And The Final Hours

Ein Proto-Black Metal-Style, aber sauber auf dem Stand der Zeit abgemischt, ein bösartiges Bellen mit schwärzesten Botschaften allein über ein Thema, den Tod und das Ende aller Zeiten, und immer ganz vorne und über allem drüber diese schneidende und gleichzeitig fast barocke Gitarre, die hier die eigentliche Hauptrolle spielt – und selbst kaum einzuordnen ist. Es ist eine bizarre Mischung, die PREDATORY LIGHT aus Santa Fe uns da mit ihrem Zweitling ‚Death And The Twilight Hours’ kredenzen.

Psychedelisch, exzentrisch, aus der Zeit gefallen und diese in vier teils sehr ausufernden Longtracks auch mal vergessend, irgendwie schräg, oft dissonant, absolut nicht in irgendwelche Schubladen einzuordnen, aber vielleicht gerade deswegen so reizvoll kommt dieser Mix aus Black und etwas Death Metal plus einer ordentlichen Dosis Doom, auch im Wortsinn, daher, der vor allem Liebhaber eher kauziger Klänge ansprechen wird. Die wilde Truppe aus dem kreativen und spirituellen Schmelztiegel New Mexicos, personell deckungsgleich mit den Deathern SUPERSTITION und somit auch mit ASH BORERs und VANUMs Kyle Morgan am Sechssaiter, hat sich diesmal dem Schwarzen Tod, also der Pest verschrieben, und orientiert sich dabei an Berichten von Lukrez über die Pest in Athen 430 v. Chr. bzw. Boccaccio…