IMPERIAL TRIUMPHANT & PI

DER heisse Scheiss – New York City, vertont als BlackDeathJazz, trifft auf Straßburger Multikulti-Prog

Ein heisser Hochsommertag in Straßburg, das Zentrum zwischen Kathedrale und La Petite France platzt fast vor lauter Touristen, und auch eine kleine Reisegruppe aus New York City ist für einen Abend hier, um die eigene Megacity auf ihre Art zu besingen – mit den Mitteln von Black und Death Metal sowie einem guten Schuss Jazz. IMPERIAL TRIUMPHANT sind auf grosser ‘Mother Of Greed’-Europatour mit insgesamt 27 Auftritten auf diversen Festivals und in mittelgrossen Clubs. Noch sind sie bei uns nur Insidern bekannt, doch ihr aktuelles und fünftes Album ‚Spirit Of Ecstasy’ sollte das nun schnell ändern, es wird auf jeden Fall in diversen Jahresendlisten zu finden sein.

Doch zuerst will der Weg ins erst vor zwei Jahren neu eröffnete La Maison Bleue im Süden der Stadt gefunden werden, und so kommt es, dass ich von PI, die sehr pünktlich gestartet sind, nur noch den Rest des Auftrittes zu hören bekomme. Das multinationale Trio hat sich 2015 hier in Straßburg gegründet und besteht aus dem Mexikaner Guillermo González an der Neunsaitigen, Guido Pedicone aus Argentinien am fretless Bass sowie Lokalmatador Ludovic Muller am Schlagzeug. Die drei haben sich einen sehr technischen, instrumentalen und in Richtung Death Metal gewichteten Progmetal auf die Fahnen geschrieben, den sie sehr selbstversunken ihrem Publikum, das ganz offensichtlich gut mit ihrem 2019er Debüt ‚Transmutation Circles’ vertraut ist, präsentieren. Während ich zuerst Schwierigkeiten habe, mich auf die diversen vertrackten Soli und die recht kühle Atmosphäre einzulassen, gehen die zahlreich erschienenen Freunde und Fans enthusiastisch mit, und wenn González seine Schreie loslässt, dann erzeugt auch das Publikum begeistert das Echo dazu.

Nach der Umbau- und Frischluftpause kommen IMPERIAL TRIUMPHANT in der gleichen Formation wie ihre Vorgänger, doch viel mehr aufs gemeinsame Musizieren fokussiert, auf die Bühne, und es wird sofort klar, wie völlig anders ihr künstlerischer Ansatz ist – bei doch offensichtlich so einigen gemeinsamen Einflüssen. Die New Yorker sind Kinder eines kulturellen Schmelztiegels ohnegleichen, jedoch neben (Extrem-)Metal deutlich von Klassik und Jazz geprägt, und arbeiten vor allem innerhalb eines starken ästhetischen Gesamtkonzepts aus visuellem und musikalischem Input; wie auf Platte rahmen auch auf der Bühne gesprochene Stummfilm-und Radiosamples die Songs ein, die vor Power, Groove und vor allem Dissonanz und Gegenläufigkeit nur so strotzen. Sie legen ohne Umschweife los mit ‚Tower of Glory, City of Shame’ und werden uns in Folge ein wahres Hitmedley um die rauchenden Ohren hauen. Schon jetzt steht Einigen der Mund offen vor begeistertem Staunen… das Trio ist nicht nur technisch beeindruckend, sondern entwickelt auf der kleinen Bühne des Clubs aus dem Stand eine Power sondergleichen.

Wobei sich ein IT-Gig nie mit der Audiokonserve vergleichen lässt, denn die Energie, die zwischen den Dreien live entsteht, ist nochmal eine ganz andere Sache als die vielschichtige, hochkomplexe Musik auf Platte. Die wie von Moderatoren gesprochenen Programmeinspieler, die goldenen Masken und schwarzen Umhänge, all das erzeugt eine prickelnde, geradezu rituelle Atmosphäre, die natürlich auch die Stimmung verändert, sie wird feierlicher, konzentrierter, erhabener. Wenn IMPERIAL TRIUMPHANT auf der Bühne stehen, bekommt man das audiovisuelle Gesamtpaket, in das man sich fallen lassen kann – oder willenlos eingesogen wird, wenn Zachary Ezrin beschwörend growlt oder zusammen mit Bassist Steve Blanco irre Riffs und schräge Läufe im Akkord heraushaut. Fixpunkt Kenny Grohowski zwirbelt dazu an den Drums allerlei phantastische Rhythmen und jazzige Figuren, behält jedoch stets den Überblick im an– und abschwellenden Chaos.

Heavyness, Düsternis, Improvisation und Spass am Spiel machen den Kern der Band aus, die Drei werfen sich ständig neue Bälle zu und kreieren ihren Megacitysound interaktiv, auch immer wieder auf das Publikum bezogen, dessen Kontakt sie ständig, jedoch wortlos, suchen. Der Inhalt der Champagnerflasche, die bereits vor dem Auftritt prominent auf Zachs Verstärker platziert war, wird so irgendwann als dekadente Dusche über die Köpfe und in die willig aufgesperrten Münder der Frontrowfreaks geschüttet; später wird Steve seinen goldenen Bass damit bearbeiten, der sowieso einiges an Slaps und unorthodoxer Bearbeitung aushalten muss. Und ein Soloausflug mitten ins Publikum gibt’s schliesslich auch noch, der Mann hat einfach Hummeln im Hintern. Zach ist mit der Doppelbelastung aus Shredgitarre und Gesang mehr als ausgelastet, und was Kenny da an abgefahrenen Kabinettstückchen hinter seinem Kit veranstaltet, ist sowieso nicht mehr von dieser Welt… es ist eine Freude zu erleben, wie genüsslich Jazzmusiker Metal dekonstruieren und neu zusammensetzen.

Wer den Auftritt der Band beim Roadburn 2019 miterlebt hat, als sie auf ihrer allerersten Europatour das Festival Sonntagabends im Het Patronaat (RIP…) mit einem Paukenschlag beendeten (aka in Schutt und Asche legten…), bekommt heute jedoch einen völlig anderen Eindruck von der Band, die sich seitdem nochmals kompositorisch enorm weiterentwickelt hat und vor allem als Einheit zusammengewachsen ist, und auch extroviertierter agiert. Wurde damals der Schwerpunkt auf die sperrige, noisige und sehr technische ‚Vile Luxury’ (…remember „Orff-Metal“ ?) gelegt, kommen nun ausschliesslich die opulentesten und vielschichtigsten Songs der beiden deutlich komplexeren und vor allem atmosphärischeren Nachfolger ‚Alphaville’ und ‚Spirit Of Ecstasy’ zum Zuge, plus der beiden Vile Luxury-Hits ‚Chernobyl Blues’ und ‚Swarming Opulence’, der Auftritt ist daher komplett anders, emotional tiefer, deutlich ausgewogener und runder, ja auch ruhiger – so man das bei dieser oft chaotisch und hyperaktiv klingenden Band überhaupt sagen kann, die live stets auswählen muss, welche der diversen Layer ihrer Aufnahmen sie spielen wollen – oder eben doch etwas ganz anderes.  Das macht den zusätzlichen Reiz ihrer Auftritte aus, zudem hat sich das seit 2015 stabile Trio nun endgültig auf Augenhöhe gefunden, jeder der drei komponiert Songs allein oder neue Stücke entstehen zusammen im Proberaum, und diese Einheit, Verbundenheit und Kooperation spiegelt sich auch in ihrer aktuellen Musik wider.

An Schwärze und subtiler Bösartigkeit hat sie trotzdem kein bisschen verloren, Gotham City, ihre Schattenseiten und Bewohner scheinen eine endlose Quelle der Inspiration zu sein. Diesmal ist sie die „Mother of Greed“, Stadt der unendlichen Gier, unermesslichen Reichtums und Mittelpunkt einer völlig aus dem Ruder gelaufenen globalen Finanzpolitik, masslos jenseits jeglicher Menschlich- und Verhältnismässigkeit. Die Stadt des Merkur, des quecksilbrigen Gottes der Händler und Diebe, Magier und Gaukler, der im Schaffen des Trios schon immer eine grosse Rolle spielt. ‚Merkurius Gilded’ sind auch ihre Masken, jetzt wo ich auch die Gesichter dahinter kenne, sehe ich, wie gut sie zu den jeweiligen Protagonisten passen und ihre Bühnenpersönlichkeit unterstreichen. Steve ist der rastlose Schalk, Zach der „bad cop“ und Kenny die Eminenz im Hintergrund, und alle zusammen haben das Publikum komplett in der Hand. Es ist so bunt gemischt, wie man es für diese Gelegenheit erwarten konnte, und restlos begeistert vom Spektakel, das direkt vor ihrer Nase geboten wird.

Dass IMPERIAL TRIUMPHANT mit einem Bein im Jetzt, mit dem anderen im vergangenen Jahrhundert stehen, zeigen die ständigen Verweise auf Art Deco-Kunst und Mode der 20er Jahre, ihre musikalische Prägung wird jedoch live nochmal deutlicher, New York ist nicht nur Inspirationsquelle und visueller Background, auch viele Avant Garde-Bands und Musiker von dort haben ihren Stempel in ihrem Schaffen seit 2005 hinterlassen. Erst durch dieses Konzert habe ich übrigens erfahren, dass die US-Presse sie anfangs, zu ihrer Neoklassik-BM-Zeit, “New York’s french black metallers” nannte, in Bezug auf die Art von Black Metal, den man in Frankreich unter anderen bei DEATHSPELL OMEGA finden kann, die auch deutlichen Einfluss auf IT hinterlassen haben. Mit dem Auftritten der Amis hier schliesst sich also ein Kreis, und hinterlässt nach der obligatorischen Zugabe vor allem viele, hoffentlich auch viele neue, glückliche Fans, denn an IMPERIAL TRIUMPHANT führt dieses Jahr einfach kein Weg mehr vorbei! Also beeilt euch, denn die Zukunft ist verloren, verdammt und – verrottet.

Bandinfos:

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