ALKALOID XL – Bach Out Of Bounds – live beim Bachfestival Dordrecht

  • Wann? 29.06.2024

  • Wo? Bibelot Dordrecht

  • Was? Klassik meets Metal – Abschlusskonzert des 2024er Bachfestivals Dordrecht
     

Johann Sebastian Bach, „der erste Tech Death-Komponist“, trifft auf völlig scheuklappenfreie progressive Extremmetaller und deren gleichgesinnte FreundInnen…

Fragt man den ausgebildeten klassischen Komponisten, ehemaligen Flamenco-Gitarristen und Sänger von Bands wie NONEUCLID, DARK FORTRESS oder eben ALKALOID, Florian Magnus Maier – in Metalkreisen besser bekannt als Morean – wer der grösste Komponist der Musikgeschichte sei, sagt er mit Nachdruck „Bach!“. Er ist zudem, wie in diesem Kurzinterview nachzulesen, auch der Meinung, der 1685 in Eisen(!)ach geborene Johann Sebastian sei der erste Tech Death-Komponist gewesen, was sich nicht nur an seiner Liebe zur Virtuosität, Komplexität und den „endlosen Reihen von Sechzehnteln“ zeige. Was liegt da also näher, als dass ein noch recht junges Bachfestival, das für Überraschungen, Kontraste und Genre-Crossover steht, seine Band ALKALOID einlädt, um einem aufgeschlossenen Klassik-Publikum (plus einiger europaweit angereister Die Hard-Fans) zu zeigen, wie zeitlos und genreüberschreitend der Barockkomponist tatsächlich ist…

Was dieser in seiner begrenzten Lebensspanne von fünfundsechzig Jahren an wegweisenden, hochklassigen, anspruchsvollen, bisher unerhörten und einzigartigen Werken tagtäglich verfasst hat, ist unvergleichlich (und im BWV, dem Bach-Werke-Verzeichnis, nachzulesen…), doch konnte er nicht einmal seine vielköpfige Familie damit ernähren, sondern musste das notwendige Geld unter anderem als Thomaskantor in Leipzig sowie zeitlebens als Lateinlehrer verdienen. Ein Schicksal, das die Mitglieder von ALKALOID nachfühlen können, ist dies doch durchgehend eine Band von virtuosen Berufsmusikern, von denen jeder auch selbst komponiert, mancher auch produziert oder unterrichtet, aber eben auch sein Geld in diversen Bands und Projekten verdienen muss, um weiterhin bei den progressiven Extremmetallern ihre eigenen Vorlieben ausleben zu können. ALKALOID wurde schliesslich genau dafür 2013 von Drummer Hannes Grossmann und Sänger/Gitarrist Morean gegründet – um all ihre technisch wie kompositorisch anspruchsvollen, auch mal verrückten Ideen in einer genreoffenen, aber trotzdem tief im Death Metal verwurzelten Band von Freigeistern umsetzen zu können. Mit Linus Klausenitzer am Bass sowie Christian Münzner (beide wie Grossmann auch zeitweise bei OBSCURA in Diensten) sowie Danny Tunker an den weiteren Gitarren war für die ersten beiden Alben, The Malkuth Grimoire’ von 2015 und Liquid Anatomy’ von 2018 eine perfekte Besetzung gefunden, ohne Tunker erschien das diesmal von Hannes Grossmann selbst produzierte dritte Album ‚Numen’ im Herbst 2023.

Und gerade diese hochklassige Bandbesetzung hat das heute erstaufgeführte Bach-Projekt auch erst möglich gemacht, siehe auch die besagten endlosen Sechzehntel, die man erstmal spielen können muss – für solch eine Aufgabe braucht es kreatives Feuer, nicht nur technische Virtuosität, grosse Neugier, Abenteuerlust und absolute Hingabe an die Musik, und eben auch eine gute Vernetzung in Musikerkreisen, nur dann kann das Unterfangen, eigentlich Äonen voneinander entfernte Musikstile auf der Bühne miteinander zu verbinden, auch gelingen. Dann kann auch ein herber Rückschlag wie der plötzliche Verlust des Leadgitarristen mitten in den Vorbereitungen für die Auftritte aufgefangen werden. Shredgott und Bach-Aficionado (man höre nur sein ‚Alter Magnitudes’-Solo…) Christian Münzner hat ALKALOID kürzlich verlassen, jedoch Justin Hom-bach als Ersatz für alle 2024er Konzerte vorgeschlagen, und dieser hat tatsächlich die Sisyphusaufgabe auf sich genommen, sich zum Bandrepertoire inklusive der umfangreich-exzessiven Münzner-Soli nun auch noch die, genau, Bachschen Sechzehntel in nur ein paar Wochen draufzuschaffen.


Doch zur Band hinzu kommt extra für diesen Anlass ja noch ein ganzes Orchest-, halt nein, dafür haben die Mittel dann diesmal1 leider doch nicht gereicht, das erträumte grosse Ensemble musste auf wenige Virtuosinnen zusammengestrichen werden, und hierbei kam Morean seine lange Karriere als Komponist und Arrangeur und damit auch seine Zusammenarbeit mit vielen ausgezeichneten – im Sinne von preisgekrönten – klassischen MusikerInnen zugute. Er schrieb die Noten quasi seinen Favoriten in die Finger, sei es die Violinistin Julija Hartig, mit der er seit Jahrzehnten befreundet ist und für die er zuletzt die „Music of Erich Zann“ für ihr Soloalbum geschrieben hat, oder Jazzer und musikalischer Tausendsassa Oene van Geel an der Bratsche, dann die wunderbar energische und gleichermassen gefühlvolle Ketevan Roinishvili am Cello und schliesslich sogar die damalige Organisatorin des Bachfestivals selbst, die eben auch Akkordeonvirtuosin ist, Marieke Hopman.
Dieses durchaus auch im Privaten metallisch unterwanderte Kammerensemble trägt nicht nur das Grundgerüst der klassischen Stücke dieses Abends, wobei es sich immer wieder von der Band unter die Arme greifen lässt, es interpretiert auch Teile der ALKALOID-Songs auf seine ganz eigene, individuelle und vor allem unkonventionell instrumentierte Weise – drei Streicher plus eine Akkordeonistin, da kann auch eine Extremmetalband sich warm anziehen… was sie heute sowieso muss, denn draussen steht der Aufnahmewagen des niederländischen Fernsehens, der Auftritt wird zum einen live gesendet und zum anderen audiovisuell aufgenommen, um später veröffentlicht zu werden. Ein Abend für die Geschichtsbücher also!

Das merkt man auch schon draussen vor Öffnung der Türen, nicht nur wie wir aus dem benachbarten Deutschland, sondern aus aller Herren Länder sind Fans extra angereist, um sich das hier nicht entgehen zu lassen. Die Spannung steigt… und wir die Stufen hoch zur „Power Stage“ des Bibelot Dordrecht.

Nun braucht es jedoch für Bach-Interpretationen, gerade seiner Sakralmusik, eigentlich auch einen Chor, und wenn sich dieser im Budget ebenfalls nicht ausgeht, muss eben auf zusätzliche überragende Solostimmen zurückgegriffen werden, die mit ihrem Umfang und Volumen vergessen machen, dass sie ohne die Unterstützung vieler weiterer Sänger auf der Bühne stehen. Hier wurden mit Chrysa Tsaltampasi sowie Rianne Wilbers zwei Künstlerinnen gefunden, die nicht nur stimmlich, sondern auch interpretatorisch perfekt in der Lage sind, den Spagat zwischen Metal und Klassik mühelos, ja sogar lustvoll zu wagen.

Dass sie ganz unterschiedliche Stimmen und artistische Hintergründe haben, hilft bei diesem Unterfangen nochmal mehr, und auch optisch gehen sie mit ihrem engagierten Headbanging völlig in der Show der Band auf. Während Chrysa im Extremmetal nicht nur als Sängerin, sondern auch als Vokal/Growlcoach und Songwriterin zuhause ist, aber genauso wie Rianne eine klassische Ausbildung hat, haben beide Erfahrungen in vielerlei Genres zwischen Klassik, Jazz, Pop und Rock gesammelt. Rianne lebt als Rhiannin nicht nur ihre wunderbar wandlungsfähige Stimme aus, sondern verbindet sie auch mit Malerei und Virtueller Realität, zwei Allroundkünstlerinnen also, die eine Band mit übersprudelnder Kreativität wunderbar ergänzen. Mit diesem Ensemble kann es also losgehen, und damit sich das Ganze auch lohnt soll es nicht nur beim Auftritt in Dordrecht bleiben, es kommen danach noch zwei weitere als „ALKALOID & Friends XL“ hinzu.

„The Baroque Origins of Progressive Death Metal“

…so lautet der mutige Untertitel des Unterfangens. Aber was will man denn nun tatsächlich vom BaRockmeister aufführen, wenn man als Extremmetalband zu einem Bachfestival eingeladen wird? Die Auswahl der neu zu arrangieren- und interpretierenden Bach-Stücke ist spannend und sicher keine leichte Aufgabe, wobei ALKALOID da schon vorgelegt hatten, und zwar im Herbst 2023 bei der „Dordtse Cultuurnacht“ in der zum Ausstellungszentrum umgewidmeten „Kunstkerk Dordrecht“, wo bereits ein Sneak Peek des Bach-Projekts präsentiert wurde – und zwar ein Satz seines Cembalokonzert in d-Moll, BWV1052, ein sehr leidenschaftliches, vielschichtiges und virtuoses Werk mit durchaus sinistrer Seite, das heute nun tatsächlich als Einstieg ins Konzert dienen soll. Aber diesmal in seiner Gesamtheit aller drei Sätze! Genug Gründe also, um ein wenig nervös zu sein, und das merkt man der Band auch kurz an beim ersten Stück der Dordrechter Premiere, was jedoch in seinem Anspruch gleich den Kurs für den weiteren Abend setzen wird.

Es geht sofort in die Vollen im treibenden, leicht düsteren ersten Satz, dem ‚Allegro‘, bei dem die Bandmitglieder mit extremer Leidenschaft vielerlei Instrumente und Stimmen des hierfür eigentlich geforderten Streichorchesters übernehmen, und wo gerade die heftig virtuosen Violinsoli die drei Gitarristen, allen voran Justin Hombach, stark fordern, da nehmen sich Barock und heutiger Shreddeath nämlich mal gar nichts. Dann übernimmt wieder das klassische Ensemble, ebenso mit wechselnden Besetzungen auf den verschiedenen Stimmen, bis schliesslich alle mit Wucht zum Satzfinale zusammenkommen. Wow!!! Sofort ist zu spüren, dass hier alles passt und zusammenwirkt: die Liebe und Leidenschaft für die Musik genauso wie die langjährige Erfahrung aller Protagonistinnen, die Vielfalt ihrer ganz unterschiedlichen Interessen und Ausbildungen, die Professionalität, aber vor allem die Neugier aller Beteiligten, immer wieder noch weiter über jeglich mögliche Tellerränder hinauszublicken. Auch wenn es sie in seiner Komplexität heute alle extrem fordert (auch die Zuhörenden, die dem Feuerwerk an Eindrücken kaum folgen können…), die Freude am gemeinsamen Schaffen ist greifbar, und man wundert sich, wie gut dieses Ensemble nach so wenigen gemeinsamen Proben aufeinander eingestimmt ist.
Im tragisch-getragenen, heute noch doomig runtergedrehten zweiten Satz ‚Adagio – All Is Vanity‘ hören wir dann auch erstmals die starken Stimmen der beiden Sängerinnen und sind begeistert, sie harmonieren wunderbar miteinander und keiner braucht hier mehr einen Chor, so viel Präsenz und Vitalität bringen die Beiden auf die Bühne – was man später auch an ihren rhythmisch fliegenden bunten Haaren sehen kann. Auch im Kontrast zu und Zusammenspiel mit Moreans Stimme entsteht eine vielschichtige Farbigkeit der Vocals, die einfach nur umhaut!

Man bekommt schon jetzt einen Eindruck davon, wie scheuklappenfrei Morean in seinen Arrangements für „Bach Out Of Bounds“ die verschiedenen Parts der Stücke auf die so unterschiedlichen InstrumentalistInnen verteilt hat; manches ist naheliegend, anderes eher überraschend wie „E-Gitarre übernimmt Violinentremoli“, „Bass vertritt Cembalo- und Streicherstimmen gleichzeitig und wird dabei von Akkordeon unterstützt“ oder „Cello spielt Gitarrensolo“, auf dem Livealbum wird es da noch so Einiges zu entdecken geben…
Doch zurück zum Cembalokonzert – besonders herausgehoben muss dabei Justin Hombach werden, der meist den extrem anspruchsvollen Violinen- und später im lebhaften zweiten Allegro‘ den Cembalo-Solopart übernimmt – und das als Leadgitarrist in einer fremden Band bei solch einem Anlass. Dafür wirkt er erstaunlich entspannt und gleichzeitig fokussiert, und trotzdem fällt auch ihm wie allen Anderen nach dem dritten Satz dieses immerhin fast halbstündigen, reichlich metallischen Stückes ein riesiger Stein der Anspannung hörbar vom Herzen, und auch die Finger von Max, Linus und Morean können sich etwas lockern nach der ungewohnten Beanspruchung. Was soll nun noch schiefgehen? Die Pflicht ist getan, ab jetzt regiert die Kür, und auch das Publikum schaltet vom ehrfurchtsvollen in den genießenden Modus.

Um jedoch sofort wieder mit einer Premiere beglückt zu werden, denn gleichzeitig Aeonen alt und brandneu ist der Siebeneinhalbminüter ‚Beneath the Sea‘, das Prequel von ALKALOIDs Smashhit ‚Cthulhu‚, der bei fast keinen Auftritt fehlen darf. Und das ist nun eine echte Überraschung und wahre Freude, denn die untermeerische Vorgeschichte zu seinem grauenvollen Erwachen entpuppt sich zu Beginn als im Maßstab dieser Band geradezu verträumt-melancholische Reise auf den Meeresgrund R’lyehs, wo auch die Skelette der Sirenen ruhen,

„Under the waters
Where the bones of sirens wither
Abysses revel forever“

und, tja wie drückt man das nun korrekt aus?, musikalisch nimmt diese neue Doom-Ode an den ewigen Träumer die Themen vorweg bzw. wieder auf, die wir schon lange vom stampfend-wütenden, erwachten Tentakelträger kennen – das Publikum ist erneut begeistert und auch fassungslos, denn gerade mit der Unterstützung durch die gegen den Strich gebürsteten Streicher einerseits sowie die vordergründig lockenden Sirenenstimmen Chrysas und Riannes andererseits wird hier ganz allmählich eine dissonant-abyssale Atmosphäre aufgebaut, die geradezu vortexartig hinunter in die bedrohliche Tiefe zieht… Lovecraftian Vibes galore! Naturgemäss folgt darauf Cthulhu‚, somit der erste bekannte ALKALOID-Song des Abends, bei dem die Band sofort schwer in seinen schräg rollenden Groove fällt, der jedoch diesmal noch hässlich, triefender wird, unterstützt und erweitert durch bizarr verzerrte Saiten. Wie das Bachfestival-Publikum auf diese fremden Welten reagiert? Überall wird mitgegangen, keiner kann sich diesem Sog entziehen. Einfach nur genial krank! Und wer sich nun fragt, ob dieses komplexe und viele Stimmen fordernde Stück jemals Eingang in einen ganz normalen Auftritt der Band finden wird – das ist im Januar 2026 bereits ein paar Mal passiert, zum ersten Mal hier in Karlsruhe anzusehen, und dabei wird deutlich, dass es sich um einen 150% ALKALOID-Longtrack handelt, der sich perfekt ins „normale“ Programm einfügt.

Dass Alter Magnitudes auf die Setlist kam2 verwundert ebenfalls nicht, ist der Münznersche Highspeed-Blastbeat-Song doch ein Ausbund an virtuoser Geschwindigkeit und Technik, komplexen Rhythmen und Polyphonie, hier kann vor allem Justin Hombach wieder, mit Unterstützung von Max Blok, brillieren. Die Shredgötter sind heute Abend auf jeden Fall mit ALKALOID und das erweiterte Ensemble macht noch einige Überraschungen in der XL-Version möglich. Aber seht einfach das Gitarrensolo und den folgenden Gesangsteil im Clip:

Danach ist erstmal Pause, und etwas Zeit irgendwie zu realisieren und zu verdauen, was man da gerade erlebt hat. Und das ist ein wahrer Overkill in dem Sinne, dass hier wahrlich nicht, wie es doch meist der Fall ist, Barockstücke mit Metalgarnitur serviert und Extremmetal mit klassischen Elementen gepimpt wurden (was auch niemand von ALKALOID erwartet hätte…), sondern auch die Zuhörer richtig gefordert sind im ständigen Versuch zu erfassen, was denn nun woher stammt oder wer denn nun welche Stimme spielt – falls man das überhaupt so analysieren will. Das Beste hingegen ist, sich einfach dem Flow der Stücke hinzugeben und einzutauchen in eine Welt, die vielerlei Klänge vereint, allen Instrumenten viel Platz gibt und daraus völlig Neues schafft. Für alle Grenztänzer und Fusionliebhaberinnen ist das schon ein wahrer Traum heute… und schon geht es auch weiter!

… Create an Contemporary Avant-Garde Sound

Und wie, denn Morean hat schliesslich auch noch den „Dutch Performing Arts Fund“ dafür gewonnen, bei ihm ein neues Stück – zum Anlass des Abschlusskonzerts des Bachfestivals am heutigen Abend – in Auftrag zu geben, was ihm etwas Zeit und Muße gab, sich ausgiebiger damit zu beschäftigen, die Welten von Metal und Bach in ihren Gemeinsamkeiten und Gegensätzen miteinander zu verbinden, und so hat er ‚Haunter of the Void‘ als zweite Premiere für Dordrecht komponiert. Der Zehnminüter beruht auf einer Idee, die auch der kosmischen Thematik, mit der die Band so gerne spielt, heute (Welt-)Raum gibt, es geht um den quasi letzten Überlebenden der Menschheit, beziehungsweise das, was von ihm vor Aeonen als sporenähnlich ruhende Saat in den Kosmos geschossen wurde – ein winziger Biochip mit der Kopie seines Gehirns, der nun auf Substrat trifft und allmählich, Zelle für Zelle, ein neues Leben beginnt, völlig allein am leeren Rand des Universums.

Musikalisch ist dieses Herzstück des Projekts ein Paradebeispiel für Moreans These, dass die Unterschiede zwischen den verschiedenen Musiksparten und ihrer Instrumentierung eigentlich gar nicht so gross sind, schon gar nicht zwischen so komplexen und gleichzeitig freien Genres wie Extremmetal und moderner Klassik, sondern dass es viel mehr auf die geschriebenen Noten ankommt, die einfach so gut sein müssen dass sie das Publikum mitreissen, egal wie dessen Hörgewohnheiten sind. Dass er sich hier so richtig austoben konnte mit der Wahl der „besten Noten“ spürt man von Anfang an – und auch dass diese im Metal eben oft „Evil Notes“ sind, dissonant, ungewohnt, düster und sich beissend. Barocke Komplexität, die scharfe, technische Präzision des Death Metal und aktuelle Moderne treffen hier nicht durch einfache Kopie der für Bach typischen Formate und Figuren aufeinander, sondern verschmelzen zu etwas ganz Neuem, indem Morean Bachs Kompositionstechnik auf ALKALOIDs Ton- und Rhythmuswelt anwendet.

Ganz langsam verbindet die Reise in den letzten, leersten Winkel des Kosmos Melancholie, Verlorenheit und ein erstes tastendes Entstehen in relativ klassischen, aber schon deutlich schrägen Harmonien mit einem vielfarbigen, zuerst durch Chrysas und Moreans Stimmen angeführten grossen Spannungsbogen und allmählichen Aufbau, in dem heavy Riffs und Deathmetal-Anteile immer mehr Raum einnehmen, ohne dass die barocke Polyphonie, in der viele verschiedene Stimmen gleichzeitig miteinander kommunizieren, sich gegenseitig wieder aufnehmen und verwandeln, verloren ginge, ganz im Gegenteil, das ist ja ein Stilmittel, das auch ALKALOID ausmacht. Wieder einmal perlen den Gitarristen Max und Justin die schrägen Arpeggios nur so aus den Handgelenken, und Morean growlt furchterregend gegen die Leere des Kosmos an, während Linus und Hannes in seinem gläsernen Schallkäfig das Ganze wie gewohnt zusammenhalten und vor der ungeordneten Implosion bewahren. Ich bin mir sicher, würde Johann Sebastians Gehirn heute hier in Dordrecht bei genau diesem Song wieder aufwachen, er hätte seine helle Freude daran!

Und auch für ‚Haunter of the Void‘ gilt – es ist ein typisches SciFi-Stück der Band, das ebenfalls bereits Eingang in die Setlists der Winter 2024-Auftritte gefunden hat, wie beispielsweise hier zu sehen.


Als nächstes kommt ein Song von ‚Numen‘ zur Aufführung, Hannes Grossmanns ‚A Fool’s Desire‘, der wiederum mit seiner Vielschichtigkeit und seinen so unterschiedlichen Teilen perfekt in dieses Crossoverprojekt passt. Hier kann man sie gut beobachten, die Art und Weise wie ALKALOID zusammen funktionieren, wie sie ein Stück von einem gefühlvollen, bluesigen Beginn mit feinem Klargesang hin zu einem Slowdoomer und schliesslich grausig blastgebeutelten Growlungetüm und wieder zurück zu einem 70ies Progrockpiece entwickeln – mit Hannes‘ jederzeit kompassartig die Richtung vorgebendem, so exakt-kraftvollem wie emotionalen Drumming, Linus‘ organischer, alles verbindender Bass-is und den drei Gitarren, die darüber eben Gitarrendinge tun, ganz wie ihnen gerade danach ist. Auch heute, mit Streichern und Sängerinnen, die sich völlig einfügen in die vorhandene Struktur, unterstützt, bleibt der Song das Fest, das er von Grund auf ist – ohne dass es irgendwelche Erweiterungen braucht. Prog-Perfektion!

Und dann wird es tatsächlich sakral und auf einmal totenstill im Publikum, beim Herzstück jeder Bach-Messe, dem Agnus Dei‘ hier aus dem Hochamt in h-Moll (BWV 232), und atemberaubender sowie gänsehautinduzierender wird es heute nicht mehr werden. Rianne Wilbers gefühlvolle, auch leiden-schaftliche, jedoch dem Stück entsprechend gesammelte Interpretation geht tief unter die Haut, nur mit ganz sanften Anschlägen unterstützen die Gitarren die Streicher bei der einzigen Bachkomposition des Abends, die keine Umgestaltung erfahren hat. Der rituelle, heilsuchende Charakter ist vielmehr ein Durchatmen, sich Sammeln nach dem Feuerwerk an unterschiedlichen Eindrücken, und ergänzt diesen Abend ganz wunderbar wie hier zu erleben:

Wahrhaftig hat Rianne damit das Dach über uns in himmlische, ja wiederum kosmische Weiten geöffnet, und da wir uns so langsam dem Ende des Konzerts nähern, wird nun jegliche Rücksicht auf die „klassischen Besucher“ fallengelassen, und nochmal so richtig die fiese Deathmetal-Keule herausgeholt, The Fungi from Yuggoth‘ brechen mit all ihrer plutonischen Macht über Dordrecht hinein, überall weht das verbliebene Haupthaar im Takt der Blastbeats, Morean growlt gegen all die Bässe um sich herum an, bis sich am Ende während des Drumsolos sogar noch ein jazziger, improvisierter Dialog zwischen Hannes und Oene van Geel ergibt, bei dem man geradezu den kosmischen Pilzen beim Ablästern über uns bescheuerte Erdlinge zuhören kann.

Was für ein Abend! Das soll es nun gewesen sein? Nein, das Publikum tobt und will mehr, natürlich muss das ganze Ensemble nochmals auf die Bühne, die Zugabe wird heute ‚Clusterfuck‘, und zwar in der Besetzung ALKALOID & Juljia Hartig, die mit viel morbidem Schwung noch mehr Erich Zann-artige Dissonanzen über den schleppenden Groove auf der nun in giftgrünes Licht getauchten Bühne legt. Eine letzte Chance zum Headbangen, Tanzen (wie es das restliche Orchester tut) oder einfach nur Mitwippen, eingegroovt sind hier nach guten Eindreiviertelstunden längst alle, und die Party könnte noch viel länger dauern, doch man soll ja aufhören wenn es am schönsten ist. Nochmals gibt es einen Riesenapplaus, viele Verbeugungen und allen hier strahlt die Freude über das Erlebte aus den Augen.

Nur sehr langsam leert sich die Halle, viele möchten noch mit den MusikerInnen sprechen oder sich einfach untereinander austauschen darüber, wessen wir da gerade Zeugen wurden – ein perfekter Auftritt, der eigentlich eine einzige Aneinanderreihung von Höhepunkten war, eine Band auf dem Weg zum oder bereits am Zenith ihres Schaffens, etwas bisher gänzlich Unerhörtes, das trotz seines musikalischen und technischen Anspruchs wie Sahne in die Ohren floss, und das alles ohne die grossen Geld- und damit Personalmittel, die anderen Projekten hierfür sonst zur Verfügung stehen. Dass „Bach Out Of Bounds“ so gar nichts zu tun hat mit den bekannten „Band XY and Symphonic Orchestra“-Projekten war von Anfang an klar, aber wie ekstatisch beide Welten heute miteinander getanzt haben, wie tief die gegenseitige Durchdringung ging, so dass am Ende tatsächlich alles Eins wurde, das muss sich nun erst einmal setzen. Das war keinesfalls „ALKALOID meets Bach“, sondern vielmehr „ALKALOID is Bach is ALKALOID“, und ich denke, alle gehen heute hier mit einem tentakelartigen, festhaftenden Ohrwurm raus, und es ist keins der Stücke, die man schon vorher kannte…

Dieses internationale XL-Ensemble wird eine Woche später noch einmal in Den Haag auftreten, in kleinerer Zusammensetzung später auch in ’s-Hertogenbosch – und wenn ihr euch anstrengt und irgendwie die notwendigen Mittel dafür aufbringt, oder ihr sogar ein passendes Crossoverfestival kennt, vielleicht ja auch bald in eurer Stadt? Hier gibts Info dazu, wie man das tatsächlich Realität werden lässt.

Lasst euch bis dahin auf keinen Fall das Livealbum ‚Bach Out of Bounds – Live in the Netherlands‘ entgehen, dass nun bei Season of Mist herausgekommen ist, und natürlich keinen der mitreissenden Auftritte dieser wunderbaren Band – egal wie weit die Anreise auch ist, sie lohnt sich, immer!!!


Bandinfo:

ALKALOID sind: Florian Magnus Maier (- Morean -, Gitarre, Leadgesang), Max Blok (Live-Gitarre, Backing Vocals), Linus Klausenitzer (Bass) und Hannes Grossmann (Schlagzeug). Die Leadgitarre wurde nach dem Ausstieg von Christian Münzner live von seinem ehemaligen Schüler Justin Hombach übernommen.

Mehr zu ALKALOID bei Metallosophy findet ihr hier.

Begleitet wurden sie von:
Julija Hartig – Violine
Oene van Geel – Bratsche
Ketevan Roinishvili – Cello
Marieke Hopman – Akkordeon
Chrysa Tsaltampasi – Sopran
Rianne Wilbers – Sopran

Very Special Guest:
Johann Sebastian Bach – Organist, Thomaskantor, Barockkomponist, Genius!

Anmerkungen:

  1. Wenn man so will, hatte das Bach-Projekt vor vielen Jahren bereits einen Vorgänger: TRANSITION METAL vom 12. November 2010. Damals hiess die Band NONEUCLID, und Morean und Linus Klausenitzer waren schon mit dabei, als diese mit der Sinfonietta Essenbach (a.k.a. Orchester des 13. Tons, unter der Leitung von Prof. Ulf Klausenitzer) sowohl Wagner- als auch NONEUCLID-Stücke aufführte, sowie ein ebenfalls speziell für diesen Anlass kommissioniertes gemeinsames Stück namens „Altair Passage“.
    ↩︎
  2. Das bei Season of Mist herausgekommene Livealbum kann nur einen Teil des Auftritts umfassen, deswegen fehlt dort u.a. Alter Magnitudes‘ oder der dritte Satz des Cembalokonzerts. Wer sich alles komplett anschauen möchte, findet die TV-Aufnahme hier. ↩︎

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