ULTHA & UNRU live

Konzert: Black Metal & verwandte Spielarten,  viel Atmosphäre & vor allem: Nebel!

 

UNRULTHA on tour

Wisst ihr noch, wie Bühnennebel riecht? Ich hatte das komplett vergessen, und das hat mir nochmal gezeigt, was die vergangenen zwei Jahre im Höhlen-Rückzugsmodus mit mir gemacht haben. Wie viel ich komplett verdrängt hatte, was zuvor einen riesigen Teil meines Lebens ausgemacht hat, und eben gerade den, der mir am meisten gibt. Livestreams sind schön und gut, aber eben allermeistens auch nur steriles TV, eine Krücke, Musikporno.
Sicher, auch ich habe mich drüber gefreut, in all der seltsamen Zeit Bands auf diese Weise überhaupt mal zu sehen, aber genau das, was Konzerte so auszeichnet, die Vorfreude, die Gemeinschaft, das Leute treffen und reden, und vor allem die immer wieder neu und anders entstehende Energie zwischen Band und Publikum, das Grummeln der Bässe in den Füssen, das sich auch körperlich in die Musik fallen lassen, die Entdeckungen am Merchtisch und natürlich auch der Nackenmuskelkater am Tag danach – all das fehlte mehr als schmerzhaft.

Umso besser, dass sich bei der UNRULTHA-Tour nun alle Beteiligten Riesendosen an Nebel einfahren konnten, und natürlich auch alles andere, was eben so dazugehört. Neun Dates in Deutschland mit kurzen Abstechern nach Holland und Österreich, so kann man seine Osterferien auch verbringen, vor allem wenn man mit Freunden unterwegs ist, was man bei UNRU und ULTHA wohl so sagen kann. Und zwar nicht nur weil Lars in beiden Bands die Gitarre bedient, sie haben einen ähnlichen, DIYbasierten Hintergrund und daraus ihre jeweilige Version modernen, auf Atmosphäre ausgerichteten Black Metals geschmiedet, dem man seine Doom-, Punk- und Post-Punk-Herkunft stets anhört, der aber offen ist für Einflüsse aller möglichen Richtugen, und bewegen sich in einem sehr ähnlichen Umfeld, was man an ihren Splits und Tourzusammenstellungen sehen kann.
Anekdote am Rande: ULTHAs allererstes Konzert fand 2014 in Köln zusammen mit Lars’ Band SUN WORSHIP und den Bielefeldern statt, die immerhin schon seit 2012 die Bühnen mit ihrer Black Metal/Crust-Mischung bespielen. Sie machen heute auch den Anfang in der kleinen, aber feinen Location in Stuttgarts Jugendhaus West.

Careless Whispers Over Europe

Und gleich fällt auf, dass zwei Personen fehlen: Ralph ersetzt sowieso auf der ganzen Tour UNRUs Gitarrist Stephan, aber heute fällt auch Keyboarderin Elina krankheitsbedingt aus und versucht sich zumindest einen Abend lang etwas zu erholen, tatsächlich kann sie dadurch bei den folgenden Dates dann auch wieder dabei sein. ULTHA haben ein ähnliches Problem, da auch deren Synthwizard Andy am Vortag ärztliche Hilfe benötigte und daher aussteigen musste, es ist wie verhext, doch so ist halt das Tourleben… also müssen sowohl Lars als auch Ralph jeden Abend doppelt ran, und die atmosphärischen Keyboardparts müssen auch irgendwie ersetzt werden… durch, wer hätte es gedacht?, soweit wie nur möglich durchknüppeln. Aber ich greife vor…

Auf UNRU bin ich total gespannt, denn ich kenne weder die neue Platte, das vielsagende ‘Die Wiederkehr des Verdrängten‘, vollständig, noch habe ich die Band bisher live gesehen. Ich war vor allem auf die neuen, eher atmosphärischen Teile und den weiblichen Gesang gespannt, werde aber nun erst einmal von der schieren Gewalt des Soundwalls, den die Bielefelder/Berliner aufbauen, komplett umgehauen. Wir stehen gefühlt einer Band-Maschinerie gegenüber, die, wenn sie einmal gestartet ist, wie ein Perpetuum Mobile weiterläuft, und das alles erst einmal für sich selbst tut, vielleicht als eine Art Therapie oder Verarbeitung der Welt und des Lebens, es macht zumindest einen kathartischen Eindruck, und man sieht, wie stark die Band aufeinander reagiert und eingespielt ist, vor allem Timm und Hendrik stimmen sich immer wieder miteinander ab. Lars übernimmt manche Gesangsparts, was das Ganze nochmals abwechslungsreicher macht, und ich würde das absolut als sehrn düsteren Atmo BM bezeichnen, vermutlich werden vor allem neue Songs gespielt, der Crust-Anteil ist absolut nicht vorherrschend.  In Wellen wechseln geknüppelte und etwas ruhigere Teile ab, trotzdem überwiegt das Gefühl, überrollt zu werden und die Eingeweide massiert zu bekommen, was für den ersten Gig nach der Coronapause eine krasse, aber tolle Erfahrung ist. Es wird deutlich, dass der verwaschene, teils undurchdringliche Sound genau so gewollt ist, hier geht es nicht um eine perfekte Darbietung, eher das Gegenteil davon, um eine komplett emotionale und schweisstreibend körperliche Erfahrung. Chapeau an Ralph, der beileibe nicht wenig zu tun hat und sich dieses Pensum an Songs kurzfristig draufpacken musste! UNRU haben heute einige neue Fans gewonnen, das zeigt sich auch später am Merchtisch, und mich vor allem neugierig auf mehr gemacht.

For Those About To Fog…

Wer im Südwesten lebt, hatte vielleicht das Glück, ULTHA zum Abschluss ihrer 2019er Herbsttour im JuHa West zu erleben. An diesem Abend tropfte der Schweiss wortwörtlich von Wänden und Decke im recht überschaubaren Konzertraum, die Band selbst bezeichnet den Auftritt als einen ihrer intensivsten und wer dabei war, wird es nie vergessen (wer mag, liest hier weiter).

Es ist heute zwar voll, aber bei weitem nicht so proppevoll wie damals, und man merkt dem Publikum die durch die letzten konzertfreien Jahre bedingte Zurückhaltung (oder vielleicht besser: Entwöhnung) teilweise noch an, die jedoch spätestens nach dem Intro wie weggeblasen (sic!) ist.
Auch die wiederauferstandenen ULTHA haben nämlich ein brandneues, still und heimlich veröffentlichtes Alben mit besten AOTY-Chancen im Gepäck, das die Trilogie, die sich von  ‘Converging Sins’ über ‘The Inextricable Wandering’ zur neuen ‘All That Has Never Been True’ (zum Review gehts hier) spannt, abschliesst. Die für ihre sehr langen Songs bekannten Kölner fokussieren sich auf dieser Tour daher auf die neuen Stücke, ergänzt durch das famose ‚No Fire, Only Smoke’ von der ‚Belong’-EP.


Und was soll ich sagen, auch ohne Andys elektronische Unterstützung kommen die neuen Songs grandios rüber, und reissen sofort mit. So unterschiedlich ‘Dispel’, ‘Haloes In Reverse’ und ‘Rats Gorged The Moon’ auch sind, wirkt doch alles wie aus einem Guss und fasst die Bandentwicklung der Jahre 2016-22 eindringlich zusammen, auch wenn ULTHA umständebedingt heute eher Vollgas geben und Punk-Versionen abliefern, statt in Atmosphäre zu baden. Was jedoch nicht bedeutet, dass auf Sound und Wirkung kein Wert gelegt wird, da unterscheiden sich die beiden heutigen Bands doch ganz deutlich. ULTHA hat so viele Klangschichten und wichtige Details gerade in den neueren Stücken verarbeitet, dass es ohne eine grundsätzliche Transparenz gar nicht möglich ist sie aufzuführen. Ralph übernimmt daher auch noch ein paar Handgriffe an den Synths.

Wie immer geht mein shoutout an Manu, das unmenschliche Uhrwerk hinter den Drums mit dem wohl gleichzeitig härtesten und vor allem präzisesten Schlag der Szene, ich bin jedes Mal fassungslos über seine auch körperliche Leistung. Von Lars und Ralph nicht zu reden, die Doppelschichten spielen und singen, aber auch Chris gibt wieder alles, und ich freue mich, dass sein Bass in den neuen Songs so präsent ist.
Doch auch an Andy, der sich besonders auf diesen Auftritt gefreut hatte, wird gedacht und ihm per Sprechchor-Video Gesundungswünsche übermittelt. Und wie wichtig der Band die persönliche Beziehung zu und der Austausch mit den Fans ist, macht Ralphs berührende Ansprache deutlich. Scheut euch also nie, ULTHA zu sagen, wie sehr ihre Musik euch hilft oder was ihr daraus an Kraft schöpft, all das ist eine riesige Motivation und hat, wie er deutlich machte, auch den Neuanfang stark beeinflusst. Ganzkörpergänsehaut, obwohl man komplett verschwitzt ist…

Dass auch wir Fans heute alles richtig gemacht haben zeigt, dass die Band nach einer kompletten Stunde Spielzeit tatsächlich nochmal zu einer Zugabe auf die Bühne kommt – und es ist auch noch ‚Fear Lights The Path (Close To Our Hearts)’, einfach zum dahinschmelzen. Nochmal eine ordentliche Dosis Nebel für eine gute Viertelstunde Song, und danach geht bei allen Akteuren wirklich nichts mehr, Respekt, wer sich dann direkt wieder hinters Merch stellt…

Mein Fazit des heutigen Abends ist zum einen: geht verdammt nochmal wieder auf Konzerte! Es tut euch genauso gut wie den Bands, und hält den Untergrund am Leben. Und das geht auch mit Maske, wenn ihr euch damit sicherer fühlt. Es braucht einfach den Austausch untereinander, wir waren viel zu lang alle voneinander isoliert. Zum anderen habe ich mit UNRU eine total spannende und sympathische Band kennenlernen dürfen, und ULTHA wie neugeboren mit dem neuen Material in Hochform erlebt. Ich freue mich unendlich auf ein Wiedersehen, spätestens beim Unholy Passion Fest VI im Dezember in Köln!

(Edit: ha! ULTHA spielen ja auch beim Halloween Dudefest, am 31.10. im jubez Karlsruhe. Ebenso vormerken!)

Bandinfos:

https://unru.bandcamp.com
https://www.facebook.com/unruband
https://ultha.bandcamp.com
https://www.facebook.com/templeofultha

…und das 2019

Schreibe einen Kommentar

Deine Email-Adresse wird nicht veröffentlicht.