MISOTHEIST – Vessels By Which The Devil Is Made Flesh

  • Veröffentlichung: 01.03.2024

  • Vertrieb: Terratur Possessions

  • Versionen: Digital, CD, Vinyl, Cassette

Stil: Nidrosian Grandeur und Avant-Garde international und zeitgemäß schwarzmetallisch interpretiert

Black Metal ist heute mehr denn je ein Vehikel, um ohne den Umweg über den Intellekt pure Gefühle zu vertonen und dadurch eben auch auszuleben, die sich anders nicht ausdrücken lassen. Wut, Hass, Angst, Verzweiflung, Gewalterfahrung, Unverstandensein, Ekel, Scham, Verachtung, Rachegelüste, Ablehnung, Einsamkeit, Eifersucht, Trauer – you name it, alle so richtig negativen Emotionen finden hier ein willkommenes Ventil, aber auch solche wie Sehnsucht, Zweifel oder Melancholie. Die dafür genutzten musikalischen Mittel sind mittlerweile weitgehend Interpretationssache; auch wenn sich natürlich Grundstrukturen und stilprägende Elemente wie die allumfassende Repetition stets wiederfinden lassen, ist die kreative Bandbreite des Genres heute so weit offen wie nie zuvor – und genau diese unglaubliche Vielfalt und ständige Evolution macht es ja gerade so spannend und faszinierend.

Trotzdem kann man sich die Frage stellen, was denn eigentlich zeitgemässen Black Metal im Kern ausmacht, was sozusagen heute die Definition, die Essenz des Stils ist? Während viele weiterhin expansiv mit Grenzüberschreitungen experimentieren, versuchen sich im Gegensatz dazu nicht wenige Bands an genau dieser Aufgabe, und eine Szene, die sich (nicht nur) damit einen Namen gemacht hat, die Fahne des weiterentwickelten klassischen Norwegischen Black Metal hochzuhalten, ist die Trondheimer um das dort ansässige Label Terratur Possessions.

Aus ihr sind auch MISOTHEIST hervorgegangen, die schon mit ihrem selbstbetitelten 2018er Debüt den Ruf einer technisch und vor allem kompositorisch herausragenden Gruppe erspielt haben. Zuerst völlig anonym agierend, ist mittlerweile zumindest Sänger Brage Kråbøl bestätigt, der auch durch ENEVELDE, beim selben Label beheimatet, bekannt ist. ‚Vessels By Which The Devil Is Made Flesh’ ist nun bereits das dritte Album der Trondheimer und behält die bekannte Struktur bei: drei überlange Songs tiefschwarzer und todernster Kunst, die gleich mehrere Antworten darauf bereithält, was heutzutage die BM-Klassiker von morgen sind. Aber nähern wir uns diesem Obsidian-Monolith langsam an, tasten uns an ihn heran.

Man spürt sie vielleicht mehr als dass man die Herkunft aus Nidaros sofort hört, denn ‚Vessels…’  hat bei allem norwegischen Grimm viel von französischem, isländischem, aber auch neuem polnischem Black Metal, eine Dramatik, die das Individuum und seine Verzweiflung und Verlorenheit in den Mittelpunkt stellt, völlig ungekünstelt, niemals leichtfertig, allein durch Tiefe wirksam. Es ist eine fühlbar sehr grosse Bühne, auf der diese Platte stattfindet, unter einem glitzernd kalten schwarzen Sternenhimmel; man meint den Kosmos atmen zu hören, wenn sich ganz langsam, ganz ohne Eile die Riffs aufbauen, bis ‚Stigma’ den Vorhang öffnet zu einer Feier der Dunkelheit in und ausserhalb des menschlichen Geistes.  

Als die langsame Repetition des Intros einem Midtempo-Blasting weicht, kommt bald auch das eindringlichste Pfund, mit dem MISOTHEIST wuchert, zum Zuge – Kråbøls herausragende Vocals. Wer absolute Hingabe und Leidenschaft bei einem Black Metal-Shouter erleben will, höre sich ihn an; was er hier abliefert, gebührt Hochachtung. Der Sänger schont sich nicht, noch hält er irgendwelche Gefühle zurück; diese Darbietung grenzt sehr nah an Besessenheit. Kaum vorstellbar, diese Intensität live durchhalten zu können… doch es gibt in diesem Song voller Dynamikwechsel ja immer wieder Ruhephasen, in denen die gesamte Band herunterfährt in eine stark reduzierte, schleppende Melancholie mit einem ganz besonderen Zauber, den vor allem die beiden Gitarren herstellen, ein Paradebeispiel für kluge Nutzung ständiger Wiederholung.  

Doch wer glaubt, dass dies als Erfolgsrezept beibehalten wird auf ‚Vessels By Which The Devil Is Made Flesh’, wird mit dem folgenden Titelsong eines Besseren belehrt. In diesem wahnsinnigen Nackenbrecher regieren Dissonanz, Uptempoblasting und Chaos, eine ungezähmte Wut sowie ein tief rollender Groove, und dann wird in einer langsamen Walzerpassage in der Mitte des Songs plötzlich all dies von einer bekannten, schräg croonenden Stimme unterbrochen – der Auftritt von URFAUSTs IX passt absolut perfekt zum kürzesten der drei Songs, und schafft durch den Kontrast zu Kråbøls Growlen diesem neuen Raum für Sprechgesang und weitere Experimente, immer begleitet vom Wahnsinn der hyperschnellen Riffs der beiden Gitarren und einem unmenschlichen Drumming.

‚Whitewashed Tombs’, das dritte und längste Stück (knapp 20 Minuten…) wiederum glänzt durch vielschichtigen Aufbau, immer neue Wendungen und komplexe, teils vertrackte Rhythmik; eine tragende Gitarrenmelodie, deren Abwandlungen gerade in der Mehrstimmigkeit pure Gänsehaut erzeugen, und eiskalt-doomige Atmosphäre inklusive Friedhofssamples, kurzum, hebt die Stärken der beiden ersten Stücke nochmals auf ein neues Niveau. Die herausragenden Drums und Becken haben hier ebenso den Freiraum zu brillieren wie die stimmungstragenden Gitarren, doch vor allem die sehr freie Art MISOTHEISTs zu komponieren wird hier deutlich. Dahinter stecken Musiker, die nicht nur ihr Handwerk verstehen, sondern auch sämtliche phantastischen wie progressiven Ideen umsetzen können, ohne jemals ihre schwarzmetallischen Wurzeln zu leugnen. Kein Wunder, dass ‚Vessels By Which The Devil Is Made Flesh’ damit bereits jetzt zu einem starken Anwärter auf die Alben des Jahres wird, und gleichzeitig ein Monument dafür ist, wohin sich Black Metal entwickelt hat und weiter entwickeln wird. Wer dabei sein will, braucht diese Scheibe!

FFO: SINMARA, DARVAZA, ALMYRKVI, BLAZE OF PERDITION, MORD’A’ STIGMATA, FUNERAL MIST

Bandinfo:

MISOTHEIST bleiben weitgehend anonym, nur Sänger Brage Kråbøl ist bekannt. Es gibt keine Webauftritte der Band ausser dem ihres Labels:

https://terraturpossessions.bandcamp.com/album/misotheist

Diskographie:

Misotheist (LP, 2018)  
For the Glory of Your Redeemer (LP, 2021)
Vessels By Which The Devil Is Made Flesh (LP, 2024)

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