STIRIAH – …Of Light

  • Veröffentlichung: 27.05.2022

  • Vertrieb: Independent

  • Versionen: Digital, CD

Stil: Noisig-atmosphärischer Black Metal mit einigen interessanten Twists

An STIRIAHs dritter LP ‚…Of Light’ habe ich mir lang die Zähne ausgebissen, tue es eigentlich immer noch. Das Quartett, das seinen Schwerpunkt von Dresden in die Hauptstadt verlagert hat, ist schwer zu fassen; als Rezensentin versuche ich anfangs automatisch, Bands irgendwo einzuordnen, indem ich unbewusst versuche, sie mit anderen zu vergleichen – dieser Weg ist vermutlich menschlich, wir versuchen intuitiv eine Ordnung zu schaffen, zuzuordnen, Ähnlichkeiten zu finden, doch das funktioniert bei STIRIAH nicht. Sie widersetzen sich einfachen Schubladen, und zwar durchaus mit Stolz.

Gut, natürlich hört man sofort, wo ihre Haupteinflüsse herkommen, das ist klassischer, ziemlich norwegischer Zweite Welle-Black Metal, mit einem grossen Melodieanteil, aber da ist noch einiges, unerwartetes mehr, und obwohl sie selbst ihren roten Faden offenbar ganz eindeutig kennen, die Stringenz der Platte legt das nah, lassen sie uns Hörer damit erstmal allein im Nebel stehen. Oder in totaler Verwirrung, völliger Un-Ordnung? Sie selbst nennen ihren Stil ja „Harmonic Black Chaos – since 2015“, und damit kommen wir der Sache vermutlich deutlich näher…

Viele Klangschichten sind ja nun mal typisch für das Genre, und lässt man STIRIAH auf sich wirken, meint man diese auch relativ schnell zu erkennen, die Drums blasten meist voll nach vorne, die Gitarren steuern elegische, bedrückte Melodien bei, wenn sie nicht in Hochgeschwindigkeit riffen, es gibt stimmungsunterstützende elektronische Einsprengsel, der Gesang ist extrem garstig. Alles ganz normal. Doch dieser erste Eindruck täuscht, denn wir haben hier beispielsweise zwei Stimmen, Tyrann und Cryst, mal gekeift, mal sprechgesungen, dann sogar in gregorianisch anmutenden Chören, und gerade sie bringen den noisigen Anteil dazu, der Gegensatz ihres bösartigen Keifens zu den Gitarrenmelodien könnte kaum grösser sein. Das hat viel Punk-Appeal, nicht wenig Industrialfeeling (‚Companion Of Light’), Dissonanz ist stets der Leitgedanke der Berliner.  

Und ein gewisses Unwohlsein, das ihre Musik durchzieht, eine gefühlte Misanthropie bis Verzweiflung, die daher rührt, dass bei ‚…Of Light’ zwar letztendlich alles zusammenpasst, jedoch zuvor immer wieder Momente der absoluten Kakophonie hervorbringt, vor allem in den geblasteten Teilen. Es hat dann schon etwas Autistisches, so als ob jeder Musiker sein Ding, seinen Layer vor sich hin spielt ohne Rücksicht auf die anderen zu nehmen – was ein gutes Abbild unserer Gesellschaft wäre. Trotzdem fügt sich immer wieder alles irgendwie zusammen, dabei helfen die stetig ihre Harmonielinien wiederholenden Gitarren – auch dies ein guter Spiegel und passend zu den existentiellen Themen der Band: nie aufgeben, durchhalten; die Beschwörung der Möglichkeiten als Orientierung im Chaos der Welt. Wird es jedoch ruhiger, bauen STIRIAH so weite und wohlige Atmosphären auf wie es das spacige Cover von ‚…Of Light’ bereits andeutet, Unendlichkeit kennt keine Grenze.

Die sternklare Produktion unterstützt das losgelöste Gefühl der sich ständig gegeneinander verschiebenden Soundebenen zusätzlich, indem sie jedem Raum gibt, ohne irgendein Instrument zu bevorzugen, die Kontraste zwischen der bösartigen Tortur von Drums und aggressiven Vocals gegen die harmonischen, aufwärts strebenden Gitarren stehen meist im Mittelpunkt oder lauern wie in der Ruhe vor dem Sturm auf das nächste Lospreschen. Dazwischen gibt es erstaunlich zarte, resignative Parts, eine Menge treibende, progressive Rhythmik (‚Threatening Shadows’), und sogar Piano- und Streicherpassagen und dramatische Spannungsaufbauten (das majestätische ‚Lonely The Moon Is Enthroned’, der alle Stilistiken zusammenfassende Rausschmeisser ‚My Burden The Last Crown’). Jedes Lied ist anders, und so ist ‚…Of Light’ eine herausfordernde, unbequeme, aber vor allem abwechslungsreiche Platte mit Ecken und Kanten, die erarbeitet werden will, und keineswegs zu jeder Stimmung passt, doch wenn man sich voll auf sie einlässt den Hörern sogar Einblicke in sich selbst ermöglicht. Es ist eine sehr eigenwillige und unerwartete Mischung aus klassisch-atmosphärischem Black Metal mit Hardcore-/Industrialkante und einem Hauch Post-Black Metal. Fans anderer junger deutscher Bands des Genres wie TOADEATER oder DIVISION ZERO sollten STIRIAH auf jeden Fall antesten.  

Bandinfo:

STIRIAH sind: Tyrann (Rhythm Guitar / Lead Vocals), Cryst (Bass / Lead Vocals / Lead Guitar Studio) und Ortok (Drums), sowie Tom (Lead Guitar Live).

https://stiriah666.bandcamp.com/
https://www.facebook.com/stiriah/
https://www.instagram.com/stiriah

Diskographie:

Night Falls (EP, 2015)
Aurora (LP, 2017)
Into the Depths (LP, 2020)
…of Light (LP, 2022)

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