MDXX – MDXX

Stil: Geister-hafter schwedischer okkulter Doom Metal mit vielen klassischen Anleihen und einem deutlichen Hauch Schwärze

Kaum zurück aus den Wäldern des vorigen Reviews, sind wir schon wieder in Stockholm. In welchem Zeitalter der Menschheitsgeschichte wir uns befinden soll erst einmal egal sein. Und abermals erklingen Gitarrenmelodien, fast zu schön um wahr zu sein, zu eingängige Songs und zu gelungene Arrangements zwischen Doom, klassischem 80er Metal und 70er Hardrock, jedoch mit einer ständig im Hintergrund lauernden, sinistren, okkulten und deutlich eingeschwärzten Schlagseite, die das Ganze jedoch gerade noch interessanter macht – da muss doch der Teufel seine Hände im Spiel haben! Kaum gedacht, hören wir tatsächlich schon vom gefallenen Gott und seiner neu gezeugten Kreatur, die die Menschheit ausradieren soll vom Angesicht seiner Schöpfung, und hätten wir’s nicht bereits vor anderthalb Jahrzehnten unweit im selben Lande erlebt, man könnte den Eindruck haben, hier würde sich eine Geschichte wiederholen…

Ein unvergleichlich grausames Blutbad

1520 war ein Schlüsseljahr in der Geschichte Schwedens und seines Freiheitskampfes um Unabhängigkeit von Dänemark, das seit Ende des 14. Jahrhunderts die Herrschaft über ganz Skandinavien und Island innehatte. Es endete am 7. November 1520, drei Tage nach der Krönung des Dänenkönigs Christian II., Sieger im Unabhängigkeitskrieg gegen die Schweden unter Sten Sture, mit dem von ihm heimtückisch vorbereiteten „Stockholms blodbad”, der Massenhinrichtung von 94 führenden schwedischen Adeligen und Bischöfen. Im ganzen Land fielen dem Terror mehr als 600 führende Schweden zum Opfer, die allesamt der „notorischen Ketzerei“ angeklagt waren. Das Stockholmer Blutbad führte jedoch in Folge zum Aufstand der Schweden unter dem späteren König und Landesvater Gustav Wasa, und schliesslich sowohl der Befreiung vom dänischen Joch als auch dem Bruch mit der katholischen Kirche und Einführung der Reformation. MDXX, das bedeutet somit ein Konglomerat aus Bürgerkrieg, perfiden Machtspielen, Herrschsucht, Aberglaube, inszenierten Ketzerprozessen, dem vorsäkularen Machtstreben der Kirche sowie der Unterdrückung und dem Freiheitskampf des Volkes. Beste Voraussetzungen für eine sehr interessante musikalische Geschichte, oder?

Eine umgekehrte Schöpfungsgeschichte

Ist 2023 damit das Jahr, in dem epischer Metal und klassischer Doom zurückkehren, um den schwermetallenen Thron zurückzuerobern? Sind die mysteriösen MDXX (gesprochen “EmmDiExxExx”) auf dem besten Weg, GHOSTs Vorherrschaft zu brechen? Und vor allem: womit werden schwedische Kinder bloss gefüttert, dass sie später so grossartige Melodien und packende Arrangements wie Nichts aus dem Ärmel schütteln? V, geheimnisvoller Bandgründer und treibende Kraft hinter MDXX (und sicher kein unbeschriebenes Blatt im schwedischen Metal…) verrät uns noch längst nicht alles, hat jedoch eine Story zu erzählen, die von der Verderbtheit und Verdammnis der Menschheit und Gottes Schwäche und Widerwillen ihr gegenüber spricht. „As God gazed down upon his creation, he saw that it was foul. And he wept, because he was weak. He could not do what had to be done…”, er, selbst unfähig seine Kreaturen zu vernichten, beauftragt den Engel der Dunkelheit damit, dies zu tun… und so zeugt Luzifer mit einer Hexe den „Gasbreather“, und die Geschichte beginnt, auf die die Stockholmer (mittlerweile gehören auch T, C und A dazu) uns auf ihrem selbstbetitelten Debüt mitnehmen.

Irgendwie, vielleicht auch aus einer nostalgischen Schwärmerei für die sogenannten guten alten Zeiten, ist der Heavy Metal der 80er in den letzten Jahren zurückgekehrt auf die Plattenteller und geblieben, auch bei Fans der abseitigeren Töne. Vielleicht ist es aber auch einfach ein perfektes Rezept, das so gut reinläuft und mit kleinen Prisen moderner Zutaten sowie einem guten Schuss Hardrock- oder sogar Pop-Appeal noch besser mundet – neue Bands, nicht selten mit extremmetallischem Hintergrund, finden immer mehr Gefallen daran, die Gitarren riffen und jubeln zu lassen und dramatische, düstere Stimmungen heraufzubeschwören, Heavy Metal und Doom vereinen sich auch hier im Sound des Stockholmer Quartetts, der zudem die typischen Schwedeneisen in den Vordergrund stellt, so wie wir sie auch aus der Gothenburg-Schule kennen. Mit dem sicheren Händchen dafür, die Lauschenden am Kragen zu packen und bis zum Ende der 37:13 Minuten nicht mehr loszulassen, zelebrieren MDXX schwarze Messen und Walpurgisnächte, die alten nordischen Gottheiten, Kämpfe und Schlachten und noch so einiges Anderes, was sich sonst hinter dem Schleier zur Zwischenwelt verbirgt (auf der Bühne erwarte ich dementsprechend zumindest eine Art von Corpsepaint!). Sie tun dies mit starker Konzentration auf die Gitarren, die solo oder als Twins gen Himmel strebend jubilieren oder teuflisch-dissonant riffen oder eine bedrohliche, sinistre Atmosphäre erschaffen. Für eine Doomband ist das Schlagzeug sehr weit vorne, der Bass könnte dagegen mehr Gewicht bekommen, aber entscheidend für Ge- oder Missfallen wird schliesslich wie immer die Stimme sein. Der bisher unbekannte Sänger hat eine eher heisere, scharfe Kehle, die er jedoch sehr gut und effektvoll einzusetzen weiss, sie sticht auf jeden Fall heraus, und kann tatsächlich auch einlullend und fesselnd auftreten, steht in jedem Fall in interessantem Kontrast zur rifflastigen Gitarrenarbeit.

Und obwohl die Songs klassischen Schemata folgen, betört dieser Mix aus Metal, Hardrock, Angeschwärztem und Okkultem vom ersten Spin an. Songs wie der einschmeichelnde Starter ‚Gasbreather’ mit seinem Hammerrefrain oder ‚Oblivion’ mit seinen starken US-70ies-Vibes, die später von einem galoppierenden Blastgewitter konterkariert werden, bleiben sofort im Ohr hängen und versprühen eine enorme Spielfreude, ihnen stehen die schleppenden Doomer wie die Single ‚Decimation’ oder der CANDLEMASS-Tribut ‚Submission’ gegenüber, die jedoch alle stets eine bedrohliche, finstere Schlagseite haben, als ob sie Produkte unheiliger Beschwörungen und bedrohlicher Geisterbeschwörungen wären – Zuckerbrot und Peitsche, das trifft den MDXX-Sound ziemlich genau, und diese Zwiespältigkeit zieht einfach in den Bann. Mit ‚Blåkulla’ (dem schwedischen Blocksberg, also dem irdischen Hof des Teufels, zu dem Hexen nur per Besen reiten können…) sowie dem vielschichtigen Rausschmeisser ‚Sanctum’ haben die Schweden noch zwei komplexere Eisen im Feuer, die wie das ganze Debüt sehr viel Hunger auf mehr machen. Alles in allem ein Einstieg mit einem satten Knall, und sicher der heisseste Kandidat auf den Newcomer des Jahres im klassischen Sergment, ich warte nur noch, bis die entsprechenden Festivals hier zuschlagen werden… ihr solltet das jedoch sofort tun, sonst verpasst ihr den neuen heissen Scheiss! Absoluter Tipp für jeden Metaller aus Leidenschaft!

Bandinfo:

Über MDXX ist bisher wenig bekannt, die Band wurde von V (Musik & Lyrics) 2020 in Stockholm, Schweden, gegründet, weitere Bandmitglieder sind T, C und A.

https://www.facebook.com/MDXXofficial
https://www.instagram.com/mdxxsthlm


THIS IS JUST THE BEGINNING. A STORY WAITING TO BE TOLD. BEHOLD. THE GASBREATHER.

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