SPRING DUDEFEST 2022

Stil: Doom / Drone / Progressive/Experimental Metal / Noise / Psychedelic / 70ies Rock…

Konzert, sogar Festival, wie ging das nochmal? Was muss ich mitnehmen? Der Griff zur Maske ist so fest eingeübt wie der zum Portemonnaie, aber sonst? Ahso, ja klar, Gehörschutz, es wird ja laut! Laut? Seltsam… es war doch so angenehm, wie still die Welt geworden war, und nun freue ich mich auf Lärm? Ja, tu ich! Alles paradox. Was früher Alltag war, ist nun erstmal ungewohnt.
Ach ja und die Kamera! Ist der Akku überhaupt geladen? Bin total aus der Übung… wozu eigentlich Bilder, soll ich überhaupt einen Festivalbericht schreiben, interessiert das heutzutage jemanden? Egal, sehn wir dann, los jetzt!

Alles fühlt sich noch so „anders“ an, so ungewohnt, zumindest bis man in der Location angekommen ist, einen Stempel auf die Haut gedrückt bekam und an der Bar das erste Getränk geholt hat. Nebenan ist schon Soundcheck, sofort ist die hibbelige Spannung da, wie der Abend wohl wird, man geht automatisch zu den Merchtischen und schaut sich um, wer noch so alles da ist. Und dann startet die erste Band, und plötzlich ist doch alles wie immer.

URAL UMBO

machen heute den Anfang und servieren nach zehnjähriger Kunstpause als musikalischen Gruss aus der Küche einen weitgehend experimentell-elektronischen Horrorsoundtrack, der sich zugleich in einem neuen Album, ‚Roomer’, niedergeschlagen hat. Das finnisch-schweizerische Trio ist in der heutigen Inkarnation gleichzeitig die Kerntruppe von SUM OF R, die später ebenfalls auftreten werden, lebt hiermit jedoch die Lust am Austesten klanglicher Grenzen aus, gerne auch ins Noisige, Improvisierte hinein. Da werden von Schlagzeuger Jukka Rämänen Ketten einen Stahlkoffer entlang gerasselt, unheimlich verfremdete Loops drehen sich weiter und weiter, Bandkopf Reto Mäder schlägt dazu nur einmal seinen Bass an und der liefert minutenlang einen Drone zur gespenstischen Kulisse, und Marko Neuman trägt seinen Teil an Irrwitz-Synthesizer und Mikrophon bei. Dass die beiden Finnen unter anderem bei den Stoner-Psych-Sludgern DARK BUDDHA RISING tätig sind erleichtert ihnen das Verständnis eines Projektes, das darauf zielt, gemeinsam mit dem Publikum unendliche leere sonische Räume zu eröffnen und erkunden. Letzteres staunt und geht mit, beziehungsweise wird hineingesogen in diese Zwischenwelt zwischen Wachen und Traum. Anspruchsvoller und wegweisender Einstieg in den Abend!

Sie sind nicht die Einzigen im heutigen Lineup, die zuvor beim Roadburn Festival gespielt haben, traditionell liegt die Frühjahrsausgabe des Dudefests so, dass sich diese Synergien ergeben und so den Manchem weiten Weg nach Holland ersparen. Auch

WYATT E.

haben ihr neues Album ‚āl bēlūti dārû’ in Tilburg und auf grosser Europatour mit MESSA vorgestellt. Die drei geheimnisvoll verhüllten Belgier nehmen uns mit knapp zwanzigminütigen Songs mit auf eine Zeitreise ins vom babylonischen König Nebukadnezar II zerstörte Jerusalem und uns damit genauso gefangen wie knapp 600 v.C. die judäische Oberschicht im babylonischen Exil. Ihre Werkzeuge dafür sind Schlagzeug, Gitarre und Bass plus wiederum diverse Synthesizer, sie arbeiten also mit ähnlichen Mitteln wie ihre Vorgänger, setzen sie jedoch mehr in Richtung rituellem Post-Rock und orientalisch angehauchtem Doom ein, und ziehen uns durch sich ewig drehende Soundspiralen und vielerlei Lagen an Tönen und Samples, die mal hohe Klangwälle aufbauen, mal fast meditativ ruhig werden, noch mehr in den Bann. Dazu kommt noch eine gute Portion Nebel, es hat bei allen Riffausbrüchen etwas träumerisches, und ich sehe vor meinem inneren Auge wie sich Derwische, jedoch komplett stoned, im Zeitlupentempo voreinander hin drehen. Danke für den Trip!

Trotzdem fällt mittlerweile auf, dass für ein solch hochwertiges Bandaufgebot einfach viel zu wenig Besucher vor Ort sind, gerade für einen Samstagabend. Sicher, man kann sich mittlerweile teils schon wieder aussuchen, wohin man für Livemusik geht, alle Clubs legen wieder so richtig los mit Programm, und man merkt dem Publikum auch noch eine gewisse Zurückhaltung und Vorsicht an, doch wenn man willl lässt sich auch mit Maske solch ein Abend problemlos überstehen, und es tut vor allem unendlich gut, wieder unter Leute zu kommen und sich von tiefen Bässen durchmassieren zu lassen. Ich verweise daher auf unsere Übersicht der weiterhin geplanten Dudefest-Termine 2022 die ihr hier findet, denn da sind doch noch für jeden Geschmack so einige Trüffel darunter!

Nun aber wieder zurück zur kleinen Bühne und zu

SUM OF R.

Verstärkt durch einen zusätzlichen Menschen am Synthesizer und ebenfalls mit einem neuen Album, ‚Lahbryce’, im Gepäck bringt das neu zusammengefundene Trio seine Version von Doom im weitesten Sinne auf die Bühne. Es als „eingängig“ zu bezeichnen wäre fast eine Beleidigung, es ist jedoch auf den ersten Blick deutlich zugänglicher als URAL UMBO, bietet sehr langsame, verschleppte ritualistische Rhythmen und ist dabei jedoch so abgründig und düster, dass man immer wieder zusammenzuckt, wenn Marko Neuman vom Klargesang in elektronisch verfremdetes, unaussprechliches, dämonisches Kreischen, Flüstern oder besessenes Stammeln wechselt, zudem hat er ausgesprochen dramatisches Talent. Und dies von vordergründig wohlklingenden Gitarrenspuren kontrastiert wird, die nur darauf lauern einen in ihr unterirdisches Reich zu ziehen, Lovecrafts Phantasien der Grossen Alten kommen einem in den Sinn. SUM OF R sind mehr denn je Kunstform anstatt Band und bieten verlorenen Seelen Unterschlupf zusammen mit ihresgleichen, in hypnotischer, psychedelischer Trance. Es ist schwer, sich schliesslich wieder daraus zu befreien.

Ab sofort findet alles nur noch auf der grossen Bühne statt, und man könnte den Eindruck haben, der Headliner – den es beim Dudefest so ohnehin nicht gibt – spielt nun, so viele Leute stehen jetzt vor der Bühne – und zwar direkt davor. Es ist unverkennbar, die Meisten sind heute wegen

MESSA

hier, denen ihr phantastisches neues Album ‚Closer’ nochmal deutlich mehr Zuhörer als bisher verschafft hat. Schon ihre diesjährige Roadburn-Präsenz zeigt es: von der kleinen Bühne im Het Petronaat auf die Mainstage – sie haben es in einem Satz geschafft. MESSAs Setlist ist auf die orientalischen Klänge und die sakrale Stimmung von ‚Closer’ abgestimmt und kommt diesmal ohne Albertos Orgel aus, er kann sich allein auf seine Gitarre konzentrieren, die er stattdessen zum Beginn von ‚Suspended’ magisch mit dem Bogen spielt. Wie gewohnt zieht Saras einprägsame, berührende Stimme alle in ihren Bann, die Fans kennen zudem all die neuen Songs, sei es ‘If You Want Her to Be Taken’, ‘Dark Horse’ oder ‘Suspended’ mit dem altbekannten Wasser-Thema, aber auch ‚Leah’ vom Vorgänger ‚Feast For Water’ kommen zum Vortrag bei einem intensiven, jedoch zeitplanbedingt viel zu kurzen Set. Und alle tanzen, mehr oder weniger geübt, den rituellen Nakh und schwingen ihre Haare…

MESSA sind seit 2019, als ich sie insgesamt drei Mal erleben konnte, erwachsen geworden, agieren abgeklärter und sind nach 16 Tourauftritten sowieso perfekt aufeinander eingespielt, der Weg auf die ganz grossen Bühnen steht ihnen so offen wie nie zuvor, aber ich möchte sie zuvor gerne nochmal als Headliner auf einer intimen Clubtour erleben können.

Jetzt erstmal Umbaupause, und dann kommt ein weiteres Tourpackage, nämlich

CARSON

Aus der Schweiz auf die Bühne, die zusammen mit SIENA ROOT auf Tour waren. Beide mit deutlich psychedelischem Einschlag, liefern CARSON als Powertrio bewährten Stoner Rock mit teils zweistimmigem Gesang, den sich der aus Neuseeland stammende Sänger/Gitarrist Kieran Mortimer-Jones und Bassistin Elina Willener teilen, der wichtige Schlagzeugposten wird von Jan Kurmann fast schon „Tiger“-mässig mit Ganzkörpereinsatz wahrgenommen. Das verbleibende Publikum fängt an zu tanzen, CARSON geht in Beine und Hüften, auch der Band selbst, die offensichtlich sehr viel Spass am letzten Tourabend hat. Ihre Songs sind spritzig (‚Pissing In The Wind’!), eingängig, aber nicht zu vorhersehbar, sondern machen gerne Schlenker und Umwege, bevor sie endgültig zum Punkt kommen. Die Band kann ich mir perfekt am späten Nachmittag eines Sommerfestivals vorstellen, um sich auf den Abend einzugrooven, denn Groove, den haben sie absolut im Blut.  

Den Sack machen schliesslich routiniert

SIENA ROOT

aus Stockholm zu, Blickfang und Ohrenschmaus ist Sängerin und Organistin Zubaida Solid, gemäss der Jahrzehnte, in die sie uns zurück transportieren stilecht in Samt und Fransen gekleidet, und verleiht als echte rauchige Bluesröhre den Songs viel Seele unt Tiefe, zudem ist sie für die warme 60er Orgel zuständig. SIENA ROOTs psychedelischer Retro Root Rock ist wahrlich dynamisch, alle Akteure werfen sich ständig wechselnd die Bälle zu, und der Eindruck eines Impro-Jams beherrscht sicher auch den Teil des Auftritts, den ich wegen anhaltender Müdigkeit und längerer Heimfahrt nicht mehr miterleben kann…

Als Fazit bleibt zu sagen, dass es wunderbar ist, die Institution Dudefest KA zurück zu haben! Sie ist immer ein Qualitätsgarant und man geht niemals ohne positive Überraschungen und Neuentdeckungen nach Hause. Daher hoffe ich für die Macher, dass die vielen weiteren Termine in diesem Jahr was den Publikumszuspruch angeht erfolgreicher werden! Für alle Anwesenden hat sich der Samstag allemal gelohnt, und damit schliesst sich der Kreis: ja, man muss weiterhin Liveberichte schreiben, um all denen, die zuhause geblieben sind, klarzumachen, was sie alles verpasst haben…

Zu den Dudefests:
https://www.dudefest.de/
https://www.facebook.com/dudefest.karlsruhe
https://jubez.de/
https://www.facebook.com/jubez.karlsruhe

Bandlinks Spring Dudefest 2:
https://www.facebook.com/UralUmbo/
https://www.facebook.com/Wyattdoom/
https://www.facebook.com/sumofr
https://www.facebook.com/MESSAproject
https://www.carsonband.com/
https://sienaroot.com/

2 Kommentare

  1. schön geschrieben, tolle Fotos. War auch da und sehe das meiste ähnlich wie Du. Freue mich auch auf zukünftige Dude-Feste. LG.

    1. Danke Dir! Ja da kommt ja noch einiges auf uns zu dieses Jahr, waere schoen wenn sich dann noch paar Leute mehr aufraffen wuerden zu kommen bei solch tollen LineUps.

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